Früher ging man in Gelsenkirchen in den Zoo, wenn man sich etwas beweisen wollte – Nervenstärke, Abgebrühtheit, all diese Dinge, von denen man schon als Kind annahm, dass sie im Leben einmal wichtig würden. Früher drehte sich ein Elefant in einer grauenvoll kleinen Betonmanege, in den Wasserpfützen entzündeten sich seine Füße. Früher wurde dem Tiger von anderen Raubkatzen der Schwanz abgebissen, weil die Käfige so eng waren, dass der Schwanz des Tigers in die Nachbarzelle ragte. Früher verbogen Schimpansen ihre Gitterstäbe, weil sie sich aus ihrem gekachelten Gefängnis befreien wollten. Früher kämpfte man mit den Tränen, wenn man in Gelsenkirchen in den Zoo ging.

Frank Baranowski warf einen vertrockneten Klumpen Brot in das aufgerissene Maul eines Nilpferdes, damals, als Junge, Anfang der siebziger Jahre. Erleichtert wandte er sich ab, als sich das finstere Loch schmatzend schloss. Eine kleine Mutprobe war das für ihn, auch, weil er sich vor großen Tieren fürchtete. Immer wieder ging der Junge in den scheußlichen Tierpark, zusammen mit seiner kleinen Schwester, der Mutter, den Großeltern. Sie nahmen Frikadellen und Kartoffelsalat mit, setzten sich mittags zum Picknick ins Gras. "Wie soll ich das beschreiben?", fragt Frank Baranowski, "da war kein Ekel, nein, eher Mitleid." Das hatte wohl etwas mit Gelsenkirchen zu tun, dieser geschundenen Stadt, die er als Erwachsener einmal regieren würde. Im Zoo litten die Menschen, weil die Tiere litten, aber weil die Tiere stärker litten, hatte das für die Menschen auch etwas Tröstliches. Kein Politiker machte sich etwas aus einem Zoo. Früher.

Heute lässt sich der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen im Gelsenkirchener Zoo fotografieren. Auch Frank Baranowski, der 45-jährige Oberbürgermeister von Gelsenkirchen, ist öfter da. Der alte Zoo wurde abgerissen, es wurde erneuert, erweitert, befreit. Der neue Zoo besteht aus Glasfronten, Events und künstlichen Bächen, die in Erlebniswelten zerfließen. Marketing-Menschen haben das Wort "Ruhr-Zoo" durch "ZOOM Erlebniswelt" ersetzt. Man kann sich verirren vor lauter Moderne. Einen Zoodirektor gibt es auch nicht mehr, seit der Tierpark einer Firma gehört, die ansonsten Strom verkauft. Der Aufstand gegen das Früher hat im Zoo von Gelsenkirchen angefangen und endet bei Frank Baranowski von der SPD.

"Für Elendsberichterstattung stehe ich nicht zur Verfügung"

Wie leise er spricht. Wie korrekt er sich ausdrückt. Ein drahtiger Mann sitzt unter einem Strohdach in der Afrika-Lodge des Zoos, der Regen rinnt in die Grassavanne, in der Ferne kreischen Paviane. Hört man dem Bürgermeister zu, klingt alles wohl überlegt, ganz mühelos. Es klingt, als sei es einfach, sich gegen Flusspferde durchzusetzen.

Früher waren Sozialdemokraten im Ruhrgebiet wie Flusspferde, schwer und rund und sagenhaft dickhäutig. Glucksend stampften sie durch plüschige Ratskeller, üppige Mehrheiten machten sie satter und satter – bis zum 26. September 1999, jenem Sonntag, den sie "das Erdbeben" nennen. Das erste Mal wurde ein CDU-Kandidat zum Oberbürgermeister in Gelsenkirchen gewählt. "Das war kein Unfall", sagt Baranowski, "daraus haben wir lernen müssen." Die Lehre daraus ist Frank Baranowski, der Gelsenkirchen vor drei Jahren zurückeroberte, der Junge, den man in der SPD lange Zeit unterschätzt hatte.

Der ist zu still. Der macht keine Überschriften für seine Politik. Der packt es nicht. So redeten die sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Peer Steinbrück und Wolfgang Clement über ihn, als Baranowski noch Abgeordneter im Landtag war. Sie haben zuerst nicht verstanden, dass Höflichkeit eine Waffe sein kann.