Der freundliche Gutsherr

Bagger verschieben Erdhügel, Kräne heben Betonplatten durch die Luft, Laster karren Kies und Sand. Neben der Baustelle verläuft die Autobahn, weiße Lkw mit roter Schrift fädeln sich in den beständig fließenden Verkehr.

Kein schöner Anblick. Eigentlich. Dirk Roßmann aber gefällt, was er aus seinem Bürofenster sieht. Auf der Baustelle in Burgwedel bei Hannover wird sein Logistikzentrum wieder einmal erweitert. Und über die Autobahnanbindung erreichen die Lkw schnell seine Drogeriemärkte.

Roßmann ist Inhaber des drittgrößten deutschen Drogerie-Discounters. Rossmann heißen seine 1250 Filialen, geschrieben mit zwei s. In seinem rosa Hemd ist der kleine Mann mit den verschmitzten Augen und der gelegentlich in Falten liegenden Stirn unter dem fast kahlen Schädel ein Farbtupfer in seinem eher schlichten Büro.

Roßmann war 26 Jahre alt, als er seinen ersten Drogeriemarkt eröffnete. Nach der Hauptschule hatte er zunächst eine Drogistenlehre gemacht, in der Drogerie seiner Eltern hinterm Tresen gestanden und Kunden bedient. Als er sah, dass die damals noch geltende Preisbindung fallen würde und dass im Lebensmittelbereich die ersten Selbstbedienungsläden eröffneten, kopierte er das Prinzip: Drogerieartikel in Selbstbedienung – und dafür zum niedrigeren Preis.

Am 17. März 1972 eröffnete er in der Jakobistraße in Hannover den »Markt für Drogeriewaren«. Fünfmal so groß wie das seiner Eltern war das Geschäft, und »am ersten Tag haben mir die Kunden fast die Schaufensterscheiben eingedrückt«. Nach Ladenschluss hatte Roßmann statt erhoffter 2000 Mark fast das Zehnfache in der Kasse.

Bald waren die Konkurrenten da: Müller und dm 1973, Schlecker 1974. Roßmann focht das nicht an. Zehn Jahre später besaß er in Norddeutschland 100 Drogeriemärkte, in den Achtzigern verkaufte er, um weiter expandieren zu können, 40 Prozent seines Unternehmens an den Investor Hannover Finanz. Heute hält A. S. Watson aus Hongkong diese Anteile.

Auch mit einem Börsengang hat Roßmann zeitweise geliebäugelt. »Vor 15 Jahren war das Unternehmen nicht sehr kapitalstark«, sagt er. Heute jedoch liegt die Eigenkapitalquote bei mehr als 30 Prozent. Der Umsatz kletterte in den vergangenen Jahren jeweils um zehn Prozent auf zuletzt 2,2 Milliarden Euro – und das in einem Markt, der stagniert.

Doch es gibt noch einen anderen, persönlicheren Grund, weshalb Roßmann letztlich nicht an die Börse ging. Aussagen wie diese umschreiben ihn recht deutlich: »Mir kann keiner in dieser Firma etwas sagen.« Roßmann will sich nicht reinreden lassen, keine Analysten überzeugen müssen, nicht den ganzen Investorenzirkus betreiben. »Wir machen einmal im Jahr eine solide Bilanz, und damit hat es sich«, sagt er. Aus anderem Mund würde das nach Gutsherrenart und autokratischem Führungsstil klingen, bei ihm hört es sich wie eine schlichte Feststellung an. Es bedeutet nicht, dass er anderen nicht zuhört. »Wenn es Hand und Fuß hat, hat er immer ein offenes Ohr«, bestätigt eine Mitarbeiterin.

Das Unternehmen Rossmann ist nicht in der Tarifgemeinschaft, kein Mitglied im Hauptverband des Deutschen Einzelhandels und auch nicht im Drogistenverband. Zwar gibt es seit Mitte 2002 einen Betriebsrat, doch Anfang des vergangenen Jahres trat der größte Teil seiner Mitglieder aus der Gewerkschaft aus. Offen spricht niemand aus, warum. Ver.di-Mitarbeiter Uwe Busch, Ansprechpartner für den Bereich Groß- und Einzelhandel im Bezirk Hannover, deutet jedoch vorsichtig an, dass ver.di der Rossmann-Betriebsrat zu arbeitgeberfreundlich war. Cornelia Benhenni, Betriebsratsvorsitzende bei Rossmann, lehnt jede Aussage ab. »Ich gebe überhaupt keine Auskunft, ich habe das einmal getan und mache das nie wieder«, sagt sie. »Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.«

»Die Gewerkschaft mögen die da nicht bei Rossmann«

Was sie im Dezember 2004 jedoch im manager magazin äußerte, scheint Buschs Andeutungen zu bestätigen. Die Mitarbeitervertreterin sparte nicht mit Lob für ihren Chef Roßmann. »Wenn der seine Märkte besucht, packt er noch selber mit an, spricht die Mitarbeiter bei Fehlern freundlich an.« Außerdem sagte sie: »Roßmann hat eine Gründung (des Betriebsrates) nicht verhindert. Der Anspruch der Kollegen war (vorher) nicht da.«

Ein anderes Betriebsratsmitglied spricht zwar wohlwollend über den Chef, möchte aber nicht mit Namen genannt werden. Seit mehr als zehn Jahren arbeite sie schon für Rossmann, sagt die Verkäuferin, »und ich kann sagen, ich gehe immer wieder gerne hin. Er ist ein guter Arbeitgeber.« Auf Roßmann, den sie auf Betriebsratssitzungen persönlich erlebt habe, »halte ich sehr große Stücke. Wenn man sieht, was er aus seiner Firma gemacht hat – davor ziehe ich den Hut. Und trotzdem ist er bescheiden geblieben.« Dass die Gewerkschaft dennoch außen vor sei, »stört mich. Wenn es hart auf hart kommt, muss es doch jemanden geben, der auch die Interessen der Arbeitnehmer vertritt. Aber die Gewerkschaft mögen die da nicht – bei Rossmann.« Obwohl nicht verpflichtet, hält sich das Unternehmen an tarifliche Abmachungen. Tarife und Zuschläge würden völlig korrekt gezahlt, Urlaubs- und Weihnachtsgeld gebe es auch, bestätigt eine Mitarbeiterin.

Dirk Roßmann geht es ums Prinzip. Er akzeptiert, was ihm fair erscheint. Aber eine Institution, die etwas zwangsweise einfordern könnte, möchte er nicht in der Firma haben. Das ist sein Verständnis von respektvollem Umgang miteinander. Sein Unternehmen bietet Seminare und Kurse an wie Künstlerisches Gestalten, Arbeiten mit Stein und sogar Tennis. Und in einer Jahresgruppe werden jeweils 25 Mitarbeitern des mittleren Managements Selbsterfahrungsthemen vermittelt. »Anfangs«, erinnert sich Roßmann, »waren die Mitarbeiter skeptisch, heute reißen sie sich um die Teilnahme.«

Der freundliche Gutsherr

Roßmann war 14, als er Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung im elterlichen Bücherregal entdeckte. Vier Jahre lang hat er »darin rumgelesen, und danach hatte ich das Gefühl, jetzt habe ich Schopenhauer begriffen«. Seitdem weiß er: »Bücher sind persönlichkeitsprägend.« Dostojewskis Idiot beeindruckte ihn als Jugendlichen am stärksten, »dreimal habe ich den gelesen«. Den Fürsten Myschkin bewundert er: »Seine tiefe Bescheidenheit, seine Großmut und seine Ehrlichkeit wurden von den Leuten verkannt. Dabei vertrat er seine Interessen lediglich sensibler und nachdenklicher als die schneidigen Offiziere des 19. Jahrhunderts.«

Nach den Philosophen kamen die Psychologen. Nach der ersten Ehe – sie dauerte nur vier Jahre – fiel Roßmann in ein Loch, im Gespräch fällt das Wort »Schwermut«. Er beschäftigte sich mit humanistischer Psychologie und wandte sich schließlich der Themenzentrierten Interaktion (TZI) zu. Dahinter steht ein Gruppenkonzept, das auf aktives, schöpferisches Lernen und Arbeiten ausgerichtet ist. Es fordert, die Arbeitsnotwendigkeiten mit Achtung vor der Person zu verbinden.

Seine Funktion als TZI-Gruppenleiter übe er zwar nicht aus, sagt Roßmann, aber »ich praktiziere das, was ich weiß, jeden Tag. Wenn ich in eine Filiale komme, gebe ich jedem die Hand, auch dem Praktikanten oder der Putzfrau. Ich möchte allen das Gefühl vermitteln, dass sie wertgeschätzt werden als Person, ich möchte deutlich machen: Ohne euch gäbe es Rossmann gar nicht.« Damit schlägt er wieder den Bogen zum Unternehmer. »Wo Mitarbeiter sich wohlfühlen, fühlen sich Kunden wohl. Und damit wird letztendlich Profit gemacht.«

»Humanismus mit Effizienz« ist auch das Motto, das hinter dem sozialen Engagement steht, für das er 1998 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Schon 1991 gründete er mit dem Hannoveraner Maschinenbau-Unternehmer Erhard Schreiber, die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW), um Armut und Hunger zu bekämpfen. »Schnelles Bevölkerungswachstum führt besonders in armen Ländern zu noch mehr Armut, zur Überlastung der Gesundheits- und Bildungssysteme und behindert die wirtschaftliche Entwicklung«, sagt er. »Armutsbekämpfung kann daher nur erfolgreich sein, wenn sich das Bevölkerungswachstum verlangsamt.« In Entwicklungsländern hilft die DSW jungen Menschen, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden und sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen. »Mit wenig Geld kann man hier enorm viel erreichen«, sagt Roßmann. Außerdem unterstützt er Straßenkinder in Addis Abeba, »Tiere in Not« und eine jüdische Musikstiftung.

In geschäftlichen Dingen ist Roßmann ein harter Knochen. 2005 wurde sein Unternehmen vom Markenartikelverband angezeigt, weil es Drogerieprodukte unter dem eigenen Einkaufspreis angeboten habe. Anfang dieses Jahres verhängte das Kartellamt gegen die Drogeriekette Bußgelder von insgesamt 300000 Euro.

Bei dem Thema kommt Roßmann in Rage, spricht schneller und akzentuierter. »Das ist so irrational!« Natürlich handele jeder Drogerie- und Lebensmittelfilialist mit Herstellern Konditionen aus, und natürlich erhalte ein Händler, der viel umsetze und demzufolge große Mengen einkaufe, günstigere Einkaufspreise. Nichts Neues. Wirklich nicht. Allgemein gängige Praxis im Geschäftsleben. Ebenso üblich sei, dass diese Konditionen an den Verbraucher weitergegeben würden. Biete aber ein Händler ein Produkt unter seinem eigenen Einkaufspreis an, um damit einen Wettbewerber zu unterbieten, dann gelte das als Wettbewerbsverzerrung.

»Ich biete günstige Ware und habe trotzdem Millionen verdient«

Das Kartellamt argumentierte, dass der Verkauf unter Einkaufspreisen zur Verdrängung kleiner und mittlerer Unternehmen führe. Roßmann lacht auf: »Welche kleinen und mittleren Unternehmen? Von den 14000 selbstständigen Drogerien, die es 1970 in Deutschland gab, sind heute höchstens einige Hundert aktiv. In den siebziger und achtziger Jahren, als jährlich 700 bis 1.200 Drogerien schlossen, hat das Kartellamt diese Schutzwürdigkeit der kleineren Wettbewerber nicht erkannt.«

Außerdem dürften heute nicht einmal kleine Unternehmen unter Einstandspreis verkaufen, um sich zu behaupten. »Wäre das damals auch so gewesen, hätte ich Rewe, Kaufland und Schlecker nie Konkurrenz machen können. Denn die konnten für 80 Pfennig verkaufen, was ich für eine Mark einkaufen musste.«

Wettbewerb fördere günstige Preise. Und genau das, so vermutet Roßmann, ärgere die Markenartikelhersteller. »Der Markenverband als Interessenvertretung großer Herstellerkonzerne will in Deutschland höhere Markenpreise durchsetzen«, sagt er – und seine Firma habe es halt getroffen. Wehren will er sich trotzdem, notfalls durch alle Instanzen klagen. Ein harter Wettbewerb sei schließlich gut für alle. Auch für ihn. »Ich biete günstig an«, sagt er, »und habe trotzdem Millionen verdient.«