Nur mit einem Lendenschurz bekleidet, stürzt sich der Mann aus seinem Kanu ins Wasser. Mit seinen kräftigen Schenkeln umklammert er ein Krokodil, mit den bloßen Händen drückt er ihm die gewaltigen Kiefer zusammen. Das etwa drei Meter lange Tier schlägt mit seinem Schwanz und zieht den Mann in die Tiefe. Dann glättet das schlammbraune Wasser sich wieder. Kein Windhauch. Kein Vogellaut. Zwei Minuten, drei, vier. Wie lange kann ein Mensch mit einem Krokodil ringen? Oder hat es ihn längst zerrissen?

Auf dem gleichen Fluss, ein paar Tage zuvor:Philip Laklom, ein kleiner Mann mit abstehenden krausen Haaren, der früher einmal Wildjäger war, führt uns in seinem motorisierten Einbaumkajak über den Sepik in Papua-Neuguinea, einen der geheimnisvollsten Ströme der Welt. Er entspringt im zerklüfteten Hochland des nördlich von Australien gelegenen Inselstaates, windet sich dann wie eine braune Schlange durch eine wild wuchernde tropische Waldlandschaft, die nur über ein paar holprige Pisten mit der Außenwelt verbunden ist. Nach 1126 Kilometern mündet der Strom in den Pazifik – mit solcher Wucht, dass die Fischer angeblich noch eine Tagesreise von der Küste entfernt Süßwasser aus dem Ozean schöpfen können.

Wir starten mitten in der Nacht. Philip tastet mit der Taschenlampe den Fluss ab. Wir sehen dunkles Wasser, Treibholz, blühendes Pflanzenwerk, das sich zu schwimmenden Inseln verbindet. Und Augen, Hunderte von Augen, die rote Löcher in die Nacht brennen. "Neuguineakrokodil, Mutter des Flusses", sagt Philip. "Werden über vier Meter lang, wiegen bis zu 400 Kilo, fressen alles – und dann fressen wir sie." Als es zu dämmern beginnt, schälen sich Sandbänke, aus der Dunkelheit, Schilfwände leuchten purpurfarben. Philip knipst die Taschenlampe aus. Die Luft ist warm, drückend, schwer. Irgendwann taucht am Ufer ein Pfahlbau mit steilem Grasdach auf, ein Haus wie eine gestrandete Arche. "Korogo", sagt Philip in seiner sparsamen Art. "Dorf der Krokodilmänner."

Wenig später sitzen wir mit den Ältesten im Tamban, im Geisterhaus, wo alle wichtigen Entscheidungen der Gemeinschaft getroffen werden. Eine reich beschnitzte Leiter führt ins obere Stockwerk, in den Raum der Masken, Skulpturen und heiligen Flöten, die von dem Volk der Iatmul als beseelte Wesen verehrt werden. Nur Männer haben Zutritt. Zwei Dutzend sind zu unserer Begrüßung gekommen. Einer von ihnen, ein sehr großer Mann mit sehr dunklen Augen, zieht vor den Gästen sein Hemd aus. Tiefe Narben überziehen seinen Rücken und seine Brust; sie sind fein gezeichnet und bogenförmig wie Fischgräten. "Das Zeichen des Krokodils", sagt Gottfried Wee, der uralte Häuptling, der sein Geburtsjahr nicht kennt. Früher hätten sie den jungen Männern die Zeichen mit Bambusmessern in den Rücken geschnitten, heute würden Rasierklingen verwendet.

Die schmerzhafte Narbentätowierung leitet die Initiationsrituale ein, bei denen die Jungen von Korogo den Ursprungsmythos der Iatmul noch einmal durchleben. Die Flussbewohner sehen sich als Nachkommen der Krokodilfrau Kanda. Diese sitzt, kunstvoll geschnitzt, mit gespreizten Beinen im Giebel des Geisterhauses, wo sie der Überlieferung nach ihre Eier legt. Deshalb wird dort die mit Rasierklingen traktierte Haut der Jungen mit weißem Flussschlamm eingeschmiert, danach werden die Initianden symbolisch bebrütet: Die Ältesten weihen sie in die Clan-Geheimnisse ein. Monate später kriechen sie als erwachsene, heiratsfähige Männer aus dem Geisterhaus und waschen sich im Fluss den Schlamm ab. Ihre Narben ahmen den geschuppten Panzer des Krokodils nach, sie sollen die Verwandtschaft mit dem Schöpferwesen ausdrücken.

Philip stößt das Kanu vom Ufer ab, die Strömung erfasst den hölzernen Rumpf. Die Krokodilmänner von Korogo winken zum Abschied. Der Sepik ist hier gut 300 Meter breit. Auf seinem Weg stromabwärts rücken die Ufer immer weiter auseinander, ansonsten ändert sich wenig: Kumuluswolken, die sich im Wasser spiegeln, riesige Urwaldbäume, deren Kronen regelrechte Gärten bilden. Moskitoschwärme, dicht wie Nebelschwaden. In weiter Ferne, jenseits der Tiefebene, erheben sich malvenfarben die Viertausender des neuguineischen Hochlands.

Am frühen Nachmittag verlassen wir den Hauptstrom und dringen ein in ein Labyrinth aus schmalen Wasserläufen. Die Ufer sind mit Pitpit überwuchert, wildem Zuckerrohr mit messerscharfen Halmen. Schildkröten tauchen weg. Schmetterlinge fliegen auf. Dann öffnet sich das Dickicht, und das Kanu erreicht die gleißende Weite der Chambri-Seen, einer vom jährlichen Hochwasser überfluteten Ebene. Philip nimmt Kurs auf zwei einzelne Berge, die aus der völlig flachen Landschaft ragen, dort liegt das Dorf Wombun. Am Ufer machen Frauen Sago. In tagelanger Knochenarbeit zerkleinern sie mit Meißelhämmern das Mark der entrindeten Sago-Palme, waschen die Stärke aus und trocknen sie über dem Feuer. Aus Sagomehl geformte Fladen sind das Grundnahrungsmittel am Sepik.

"Vor Zeiten und Zeiten war Wombun eine schwimmende Insel", sagt James Kula, einer der Dorfältesten. Beim Reden schiebt sich ein einzelner Zahn zwischen seine Lippen. "Der Wind trieb Wombun über den See, hierhin, dorthin, wohin er wollte. Bis Emasui einen langen Stein in die Insel stieß und sie am Grund des Sees verankerte." Dank Emasui, dem Urahnen der Leute von Wombun, vermögen Wind und Wellen heute nichts mehr gegen das Dorf auszurichten, sagt Kula. Emasui sei wahrscheinlich halb Mensch, halb Krokodil gewesen, aber ganz genau wisse man das nicht mehr. Die Missionare hätten Emasui im See versenkt. Kula meint die Schnitzereien, die das Schöpferwesen zeigten. Ende des 19. Jahrhunderts muss das gewesen sein.

Damals kamen die Flussvölker zum ersten Mal in Kontakt mit Europäern. 1885 gründeten die Deutschen im Norden Papua-Neuguineas, im ehemaligen Kaiser-Wilhelms-Land, eine Kolonialgesellschaft, um den Handel mit Tabak, Baumwolle und Nutzhölzern voranzutreiben. Mit den Händlern kamen die christlichen Missionare ins Sepik-Gebiet und die deutschen Vornamen. Die uralten Stammestraditionen wurden durchbrochen, die Abwanderung in die Städte begann. Heute verlässt die Mehrzahl der Männer ihre Dörfer, um auf den Plantagen und in den Städten Geld zu verdienen. Kinder und Jugendliche werden auf Internate geschickt.