Um ein Haar hätten die Entführer Jürgen Vietor erschossen. Er war Copilot der Landshut. Am Handgelenk trug er eine Armbanduhr von Junghans. Das große J auf deren Ziffernblatt und das Zahnrad, das aussah wie ein Davidstern, erregte die Wut des Chefs der palästinensischen Flugzeugentführer. "Du bist jüdisch", brüllte er, "jetzt stirbst du!" Erst als Vie-tor die Uhr auf dem Boden zertrampelte, beruhigte sich der Terrorist. Die Firma Junghans schenkte dem Piloten später eine neue Uhr, eine besonders wertvolle, vergoldete. Vietor bewahrt sie im Safe auf. "Die ziehe ich nur zu besonderen Anlässen an."

Am vierten Tag der Entführung wurde Flugkapitän Jürgen Schumann erschossen, von da an musste Vietor die Maschine allein fliegen. Heute macht es ihm nichts aus, über das Martyrium an Bord zu reden. "Ich bin Zeitzeuge, ich fühle mich der Wahrheit verpflichtet. Und man darf auch nicht vergessen: Ich bin mit dem Leben davongekommen." Er erinnert sich, wie sie alle im Flugzeug gebettelt und gefleht hätten, Helmut Schmidt möge die Forderung der Terroristen erfüllen. "Als Betroffener kann ich die Entscheidung der Bundesregierung eigentlich nicht gutheißen. Aber ich sehe auch ein, dass es aus der Sicht von Helmut Schmidt unverantwortlich gewesen wäre, die Terroristen auszutauschen."

Jürgen Vietor, mittlerweile 65 Jahre alt, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in der Nähe von Hamburg. Er engagiert sich für SOS-Kinderdörfer und die Kinderhilfsorganisation Plan International. Honorare, die er für Fernsehauftritte bekommt, spendet er. Seit 1999 ist Vietor im Vorruhestand. "Ich reise gern und bin viel mit dem Wohnmobil unterwegs." So oft es geht, fliegt er in sein Lieblingsland, nach Kanada, als ganz normaler Passagier. Vietor liebt das Fliegen immer noch. Bald nach der Entführung, am 29. Dezember 1977, saß er wieder als Copilot – auf dem Flug von Hannover nach London – am Steuer der Landshut. "Die war ja kaum beschädigt, nur ein paar Haarrisse im Fahrwerk", sagt er. Die Landshut, Baujahr 1970, wurde zuletzt von der brasilianischen Fluggesellschaft TAF Linhas Aéreas eingesetzt, sie ist immer noch als Frachtflugzeug im Dienst. Marcus Krämer