Ähnliches könnte auch Lafontaine schaffen. Aber wäre das überhaupt von Belang? Ob er neun Prozent bekommt oder zwölf, ob die Linkspartei in westdeutsche Landesparlamente einziehen kann oder nicht, dürfte im Prinzip für die Machtfrage gar keinen Unterschied machen. Denn der SPD-Vorsitzende Kurt Beck hat durch sein Diktum – keine Koalition im Westen und keine im Bund – alle Stimmen für die Linkspartei für machtpolitisch ungültig erklärt. Wenn sein Wort gilt. Und wenn die SPD dahintersteht. Und wenn die Wähler es glauben.

Wenn nicht, würde aus dem Beliebigkeits- sofort ein Lagerwahlkampf, in dem alles, was sich bürgerlich nennt, gegen das linke Bündnis kämpft. Damit lautet die entscheidende innenpolitische Frage der nächsten beiden Jahre: Hält die Demarkationslinie, die Beck zwischen SPD und Linkspartei gezogen hat?

Grenzbesichtigung: Historisch betrachtet, nimmt die Halbwertzeit politischer Demarkationslinien immer weiter ab. Bei den Grünen hielt das Tabu noch rund fünf Jahre, bevor der hessische SPD-Ministerpräsident Holger Börner 1985 mit Joschka Fischer den ersten grünen Minister vereidigte, obwohl er zuvor erklärt hatte, die Ökos gehörten "mit der Dachlatte versohlt".

"Eine Zusammenarbeit kommt nicht infrage", "die SPD wird diese Partei überflüssig machen" hieß es eine Dekade später über die PDS, bis sich der Sachsen-Anhalter Reinhard Höppner (SPD) 1994 entschloss, den Satz von der Selbstbestimmtheit der Landesverbände einfach mal für bare Münze zu nehmen und eine PDS-tolerierte Minderheitsregierung zu installieren.

Nun geht es um Die Linke, und schon nach einem Jahr steht es schlecht um Becks Brandmauer. Keine Koalition im Westen und keine im Bund? Die Parole stört viele Genossen gewaltig. Die einen halten es für taktisch falsch, sich so früh festzulegen. Schließlich legen Umfragen die Option einer "linken Mehrheit" nahe – nicht nur rechnerisch, auch inhaltlich scheint ein großer Teil der Deutschen offen für echt oder vermeintlich linke Positionen .

Die anderen schütteln den Kopf, weil Becks Position hinten und vorne nicht zusammenpasse. "Nicht im Bund und nicht im Westen" lautet die Maxime, aber gleichzeitig sollen die Landesverbände frei entscheiden. Ja, was denn nun? Als "Empfehlung" sei die Linie der Bundespartei zu verstehen, die von den Landesverbänden im Entscheidungsfall "mitzuberaten" sei, windet man sich im Willy-Brandt-Haus. Von den Nachfolgern der SED vermisst Beck eine eindeutige Distanzierung von Schießbefehl und DDR-Diktatur. Warum man dann ausgerechnet mit Mauerschützen-Nachfolgern im Osten koalieren kann, aber nicht mit denen, die vor wenigen Monaten noch SPD-Mitglieder waren, bleibt sein Geheimnis. Im Osten herrschten eben "historisch" bedingt andere Zustände und Gefühlslagen, sagt er. "Das ist doch nicht logisch", wenden die eigenen Parteifreunde ein. Das sei keine Frage von Logik, sondern von Taktik, heißt es in Becks Umfeld. Nur, was hilft eine Taktik, die nicht verstanden wird?