Loyalität ist eine feine Sache. Und doch kann es einem auf die Nerven gehen, wenn überzeugte Kantianer konsequent alles, was philosophisch gut und richtig ist, bereits bei ihrem Mentor gesagt finden. Was das Studium sonstiger philosophischer Werke angeht, drängt sich geradezu der Eindruck auf, diese könnten höchstens noch der Anregung dienen; denn wenn man bei einem anderen Autor auf eine wertvolle Einsicht gestoßen ist, wird man sie danach auch bei Kant selbst entdecken. Diese bis ins antike Athen ausholende und dann doch immer wieder ins bürgerliche Königsberg zurückkehrende Bewegung charakterisiert auch Otfried Höffes neue Studie über Lebenskunst und Moral. Ausgangsfrage ist die nach der Vereinbarkeit von Glück und Moral: Verringert, wer ein guter Mensch sein will, seine Chancen auf ein freudenreiches Leben? Ist der Mensch vorrangig ein nach Glück oder ein nach Moralität verlangendes Wesen?

Er ist beides, antwortet Höffe, der die Integration zweier oft als unvereinbar angesehenen moralphilosophischen Ansätze verfolgt: die einer aristotelisch inspirierten Tugendethik mit der klassischen Pflichtenethik à la Kant. Zwischen beiden werden Parallelen gesucht und gefunden, Harmonie und gegenseitige Ergänzung – es ist gewissermaßen ein Yin-und-Yang-Modell der Moralphilosophie, das Höffe präsentiert. Doch wie bei Yin und Yang kommt man auch hier bei genauerem Hinsehen nicht gänzlich ohne Rangordnung aus: Die Moral hat im Konfliktfall das letzte Wort. Dass aber der Wunsch nach Glück und der Wille zur moralischen Autonomie einander gar nicht so sehr widersprechen, wie es die Ausgangsfrage suggeriert, dass beide bisweilen zwar in einem Spannungsverhältnis stehen können, aber über weite Strecken doch geradezu Hand in Hand arbeiten, ist Höffes feste Überzeugung.

Belegen will er sie, indem er Tugendethik und Pflichtenethik jeweils handlungstheoretisch rekonstruiert. Die Erstere erfährt so eine Umwandlung zur "Strebensethik": Das Streben nach Glück wird verstanden als reflektiertes Handeln, das das Gute einer gelungenen Biografie im Ganzen anvisiert. Die kantianische Moral versteht Höffe analog als "Willensethik", für die weniger das Ziel des Handelns als seine Intentionen zentral sind; das unbedingt Gute ist hier die Willensfreiheit oder Autonomie.

Der argumentative Mehrwert einer solchen Neubenennung in Streben und Wollen sei dahingestellt. Höffe jedenfalls dient die Handlungstheorie dazu, Ähnlichkeiten herauszuarbeiten und scheinbare Gegensätzlichkeiten zu mindern. Für Höffe sind Tugenden selbst zwar noch nicht an der Moral, aber doch schon an der Idee des Sozialen ausgerichtet; sie bereiten die Moralität vor, indem auch für das gute Leben Frustrationstoleranz, Triebverzicht und Charakterformung erlernt werden müssen. Mehr noch: Mit dem Glück verfolge auch die Strebensethik bereits ein quasitranszendentales Ziel. Und so wird vor den staunenden Augen des Lesers nach und nach ein bunter Strauß von Tugenden – Besonnenheit, Gelassenheit, Selbstvergessenheit, Lebensklugheit, Tapferkeit, Freigebigkeit und Gerechtigkeit – in einen Kranz für Kant gewunden.

Erschwert wird die Lektüre dadurch, dass erstens dieses quasihegelianische Vorhaben einer Aufhebung von Aristoteles in Kant nicht von Anfang an klar herausgestellt wird und das Buch zweitens mehrere unterschiedliche Sorten von philosophischer Literatur in sich vereint. Die Darstellung der Ausgangsproblematik geschieht auf einem nicht allzu hohen Abstraktionsniveau, dafür mit einer schönen inhaltlichen Sorgfalt, die das Buch als Diskussionsgrundlage für ein philosophisches Seminar oder einen Diskussionskreis wunderbar geeignet erscheinen lässt. Die anschließende Bearbeitung der Fragestellung allerdings zerfällt in einen populärwissenschaftlichen und einen expertenhaft-akademischen Teil, was aufs Ganze gesehen eine unglückliche Mischung abgibt: Welche Sorte Leser soll das gut gelaunt durchhalten?

Obwohl sich Höffe von Glücksratgebern und der sogenannten Weisheitsliteratur abzusetzen sucht, findet sich auch bei ihm so manche Perle, die man in einem Kalender zweitverwerten könnte. So erfährt der Leser programmatische Allgemeinplätze wie "Gründliche Philosophie fragt nach", oder dass Sinnenlust "nicht die einzige Bestimmungsmacht sein [darf], der sich der Mensch sklavenartig unterwirft". Man erhält die Empfehlung, Vorfreude auszudehnen und auszukosten, sowie eine zur gesunden Dosierung der Schadenfreude: "Dass man jeden Sadismus fernhalten soll, ist allzu selbstverständlich, auch dass man bei fremdem Missgeschick keine tiefe Genugtuung empfindet, einen leichten Anflug vielleicht, tiefe Schadenfreude aber auf keinen Fall" – gut aber, dass das Selbstverständliche noch einmal erwähnt wurde!