Sie nehmen den Mund ganz schön voll, die Briten. Nicht nur das Londoner Magazin Gourmet hat großmäulig verkündet: "Nirgendwo auf der Welt isst man besser als hier." Auch sonst werden die Briten nicht müde zu behaupten, der Nabel der kulinarischen Welt befände sich in Groß-London. Zweifellos gibt es dort mehr Multikulti-Restaurants als im restlichen Europa. Wenn sie die meinen, haben sie recht. Sie haben sogar einen Charmebolzen als Fernsehkoch, Jamie Oliver, der populärer ist, als es Frau Christiansen je war. So ein richtig lieber Bub, der den Engländern auch den Inhalt des königlichen Rennstalls schmackhaft machen könnte. Aber wie das so ist mit Pferdefleisch: Solang es an der Prominenz entlanggaloppiert, jubeln ihm alle zu. (Vor allem, wenn der Sieger Feitlebaum heißt.) Landet es aber auf dem Teller, sieht die Sache anders aus.

Nicht anders bei Londons Gastronomie: Da gibt es Sushi, Dim Sum und Tandoori, aber auch Yorkshire pudding und steak and kidney pie. Wäre ich bösartig wie die englische Boulevardpresse, würde ich behaupten: "Die englische Nationalspeise heißt fish n chips." Das ist Kabeljau mit Fritten, wurde früher an jeder Straßenecke verkauft und aus Zeitungspapier gegessen. War so populär wie bei uns die Currywurst.

Also doch die Hammelkeule mit Minzsauce? Wenn ich bedenke, welche Aversionen bei uns allein die Keule vom Lamm hervorruft, so halte ich es für zwecklos, hier das Lob und Rezept einer Hammelkeule zu verkünden.

Dagegen ist nichts gegen eine andere Spezialität einzuwenden, welche in England so britisch ist wie Kricket: das Roastbeef. Dieser Braten hat, wie die Regeln des Schlagballspiels, etwas Geheimnisvolles, das Fremde furchtbar irritiert. Es ist die Tatsache, dass sie in London und Umgebung ein großes Stück Fleisch aus dem Ofen holen, das offensichtlich noch halb roh ist. Nämlich rosa von oben bis unten. Und trotzdem ist kein Tropfen Blut zu sehen. Ein küchentechnisches Wunder? Sie nehmen es gelassen, die Brits. Ein Roastbeef hat rosa und saftig zu sein, wie ein englischer Rasen grün und saftig ist. Wenn der Gärtner das nicht schaffte, endete er am Galgen. Vom Küchenpersonal sind ähnlich krasse Strafen nicht bekannt. Es wurde schlimmstenfalls verprügelt. Und sogar diese Tradition ist seit über hundert Jahren verboten.

Wir dürfen nicht einmal unsere Metzger verprügeln, wenn sie uns ein frisch geschlachtetes, sehniges Stück als Roastbeef verkaufen, sodass wir einen zähen Braten aus dem Ofen holen, das größte anzunehmende Unglück für einen Hobbykoch, der sich Gäste eingeladen hat. An alles hat er gedacht. Die gestärkten Servietten sind schneeweiß, über den Manzanilla als Aperitif haben sich alle gefreut. Beim Roastbeef, dem Hauptgericht, konzentriert sich jedermann nur auf eines: Es hat rosa zu sein (aber nicht blutig) sowie saftig und den unvergleichlich langweiligen Geschmack zu haben, den nur englisches Roastbeef besitzt.