Das Verzeihen kommt immer gleich nach dem Sterben. Denn ist einer erst einmal von dieser Welt gegangen, setzt kollektive Verklärung ein. Als gäbe es da ein geheimes Abkommen, wollen sich schon auf der Trauerfeier alle nur noch an das Gute erinnern. So wird auch der Fiesling postum zum Lamm – und kann sich nicht mal dagegen wehren. Die Totenruhe ist heilig, auch wenn der Tote selbst kein Heiliger war.

In seinem Fall nahm die nachgetragene Liebe fast schon bizarre Züge an. Witwe und älteste Tochter beschlossen nämlich ein Vierteljahrhundert nach seinem Ableben, ihm eine Gedenkausstellung in seiner Geburtsstadt zu widmen. Darin verschwiegen sie alle Risse und Widersprüche in seiner Biografie, stilisierten ihn sogar zum treuen Gatten und Vater – der er nie gewesen war.

Ganz im Gegenteil hatte er Frau und drei kleine Kinder eines Tages verlassen. Und damit auch die Stadt seiner Kindheit, "in der alles nach Straßenbahn roch und es immerzu regnete". Zwar war er, als der Erfolg sich einstellte, später hin und wieder bei den Seinen aufgetaucht wie ein ferner Verwandter – aber meist lebte er doch ohne die Familie, mit Affären und Abenteuern, ein Verführer und rastlos Reisender. Und ebendas strahlte er auch mit jeder Körperfaser aus: diese wilde Entschlossenheit, die Tage und die Nächte in sich aufzusaugen und dabei keine Rücksicht zu nehmen, nicht mal auf sich selbst.

Dass so was keine achtzig Jahre gut gehen konnte, dafür sorgte irgendwann der Lungenkrebs. Vielleicht war die Zigarette in der Hand das Beständigste in seinem Leben gewesen, jetzt wurde sie sein Verhängnis. Immerhin starb er im Herbst und nicht im Frühling, was ihm wohl schwergefallen wäre, wie er einmal schrieb. Und er bestimmte auch noch, wo er begraben liegen wollte: auf einer Insel, die ihm in seinen letzten Jahren zur Wahlheimat geworden war.

Viel früher hatte einmal ein Maler hier gelebt, und auch er malte: nicht mit Farben, dafür mit Worten und Tönen. Als Teenager hatte er das begonnen, als junger Mann wusste er, dass es seine Zukunft sein würde, und verweigerte von jetzt auf gleich die vorgesehene Laufbahn als Fabrikbesitzer. Abend für Abend stand er bald auf irgendeiner Bühne, anfangs noch belächelt für seinen Akzent, bald jedoch gefeiert und geliebt. In seinen Versen beschrieb er Kneipe, Kirche, gute Stube – die Orte, an denen er das Leben belauschte. So erzählte er von Himmel und Hoffnung, aber auch von Hohn und Hass. Und von der Liebe, von ihrem Anfang wie auch ihrem Scheitern – und davon, dass die Ehe der Tod der Liebe sei: "Ich weiß, dass diese nächste Liebe die nächste Niederlage sein wird…"

Solche Sätze machten ihn berühmt. Dazu kam seine Art, sie vorzutragen, manchmal entwaffnend kindlich und ungestüm, sodass man die verletzliche Seele ahnen konnte. Und dann, als sich alle seine Träume erfüllt zu haben schienen, reichte es ihm – und er verkündete einen weiteren Abschied, diesmal vom Publikum. Trat wieder mal die Flucht an, raus aus dem Gewohnten, rein ins Ungewisse.

Ein paar Jahre zuvor hatte er übrigens einen seiner größten Erfolge gefeiert – mit einem Poem, in dem sich einer mit Galgenhumor darüber mokiert, was für scheinheilige Töne am Tag seiner Beerdigung alle Welt auf ihn anstimmen wird.

Wer wars?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 35:

Es war Mustafa Kemal Atatürk (1881 bis 1938). Der Beiname "Kemal" bedeutet "vollendet". Er schloss sich den Jungtürken an, war aber entschieden gegen das Bündnis mit den Deutschen. Dennoch kämpfte er im Ersten Weltkrieg loyal unter deutschem Kommando. Zu seinem Reformwerk als erster Präsident der Republik Türkei gehörte die Einführung von Nachnamen, er erhielt von der Nationalversammlung den Namen "Atatürk" ("Vater der Türken")