Ein Buch von stupender Kenntnis. Auf faszinierende Weise wird dem Lebensbogen – schimmernd, schillernd, arg streitig auch – eines unserer großen Dichter nachgegangen, dessen Gedichte in jedem von uns klingen; auch wenn ihm einigermaßen hurtig "Scheingelebtes" (von Franz Blei) oder "Verlogenheit" (von Walter Benjamin) bescheinigt, gar ein Platz "in der Reihe der Ungelesenen" zugewiesen wurde (von Rudolf K. Goldschmidt): Niemand, der Literatur liebt, kann den berauschenden Klang dieser Verse, ihren Ton-Sog zwischen Todesmelancholie und Hoffart, Liebessehnsucht und Einsamkeitsverzagtheit je von sich weisen. Er lebte anonym und war weltberühmt.

Stefan Georges Werk – kokett eigene Himmel stürmend wie die Welt verachtend und sich verplusternd in ausgetuschte Schönheit – ist der große Gesang des 20. Jahrhunderts. Und das schreitet Thomas Karlauf aus. Von der ersten Verliebtheit des 23-Jährigen in den – sich entziehenden – 17-jährigen Gymnasiasten Hugo von Hofmannsthal; dem schickt er nicht nur per Dienstmann ein Rosenbouquet ins Klassenzimmer, dem gilt auch bereits eines seiner wundersamen Gedichte, das schon jetzt im anderen sich selber spiegelt:

Er aber ist nicht wie er immer war,

Sein Auge bannt und fremd ist Stirn und Haar. Von seinen Worten, den unscheinbar leisen

Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen

Er macht die leere Luft beengend kreisen

Und er kann tödten, ohne zu berühren.

Aber durchaus spannt Thomas Karlauf auch den bösen Zauberkreis auf, schlägt den Zirkel zu jener Fatalität, die ebenso mit dem Namen George verbunden ist und die der Biograf keineswegs unterschlägt: "Die polemische Distanzierung von allem Politischen gehörte ins Repertoire des rechten Irrationalismus und trug dazu bei, den Boden für die braune Saat zu bereiten." Denn auch das schmählich Weihevolle wusste ein Dichter zu rhythmisieren, dem Goebbels zum 65. Geburtstag ein Glückwunschtelegramm schickte und über den Brecht sagte: "Die Säule, die sich dieser Heilige ausgesucht hat, ist mit zuviel Schlauheit ausgesucht, sie steht an einer zu volkreichen Stelle"; auch übel riechenden Dunst konnte George uns zufächern:

Der sprengt die ketten fegt auf trümmerstätten

Die ordnung, geisselt die verlaufnen heim

Ins ewige recht wo grosses wiederum gross ist

Herr wiederum herr, zucht wiederum zucht, er heftet

Das wahre sinnbild auf das völkische banner

Er führt durch sturm und grausige signale

Des frührots einer treuen schar zum werk

Des wachen tags und pflanzt das Neue Reich.