Fordern, dass die Amerikaner im Irak bleiben, im Ernst? Dieser Krieg hat fast keine Unterstützer mehr, außer dem vereinsamten Oberbefehlshaber selbst, der auf sein politisches Ende wartet. Falsch, illegitim, unmoralisch haben die meisten Europäer und die Mehrheit der Welt die Invasion von Anfang an gefunden. Jetzt gilt sie allgemein als gescheitert. In den Vereinigten Staaten wird die Kriegsmüdigkeit zur treibenden Kraft der innenpolitischen Dynamik. Es gibt eine Chance, dass der Albtraum zu Ende geht. Und da, ausgerechnet da, soll man gegen den Abzug aus dem Irak argumentieren?

Ja, das soll man – denn man muss fürchten, dass der eigentliche Albtraum erst noch kommen wird. Man stelle sich die Welt nach einem Abzugsbeschluss und nach dem Abzug selbst vor – die Welt nach einer amerikanischen Niederlage. Das Blutvergießen im Irak kann noch schlimmer werden, wirklich bürgerkriegerisch, im schrecklichsten Falle völkermörderisch. Sollte der Westen dabei zusehen, während das Satellitenfernsehen die Bilder um den ganzen Globus trägt und die Vereinten Nationen vielleicht gerade die Gewalt in Darfur oder einen Terroranschlag auf den Philippinen als unerträglich verurteilen? Sollten die Besatzer zurückkehren, wenn ein bestimmtes Gräuelniveau überschritten wird? Wenn das Land zerfällt und andere Mächte sich ihre Stücke aus der Beute sichern wollen? Statt eine Last abzuwerfen, könnte sich die Welt bald mit neuen Ausweglosigkeiten und mit neuer Schuld beladen haben.

Und es geht nicht nur um den Irak. Es geht auch nicht nur um dessen Nachbarländer, die von noch mehr Flüchtlingen heimgesucht und vom Chaos angesteckt werden dürften, in der öl- und konfliktreichsten Region der Erde. Eine siegreiche Terror- und Dschihad-Bewegung würde sofort den nächsten Schauplatz und den nächsten Krieg ins Auge fassen, das andere Staatsschöpfungs- und Befriedungsunternehmen des Westens: Afghanistan. Afghanistan, so die These der Irakkritiker, ist der gute, der richtige Krieg; darauf sollte man sich konzentrieren. Ein Rückzug aus dem Irak, heißt es, würde politische und militärische Kräfte freisetzen und so dem Projekt Afghanistan zugutekommen. Aber das könnte eine gefährliche Illusion sein. Die Feinde des Westens würden nach einem Erfolg im Irak Blut geleckt haben; sie würden sich mit doppeltem Eifer und mit gesteigerter Siegeszuversicht an die andere, verbliebene Front werfen. Und in Afghanistan stehen auch die Deutschen, steht die Bundeswehr. Schon deshalb können wir kein Interesse daran haben, dass Bagdad und Basra aufgegeben werden.

Es gibt ein Modell dafür, welche Überlegenheitsgefühle, welchen politischen Adrenalinschub der Triumph über eine Supermacht im Lager des radikalen Islams auszulösen vermag. Die sowjetische Niederlage in Afghanistan in den achtziger Jahren hat das Selbstbewusstsein der Dschihad-Kämpfer gewaltig gesteigert und ihr Weltbild bis heute geprägt. Hinter Osama bin Ladens verwegener Herausforderung der Vereinigten Staaten steckte nicht zuletzt die Annahme, Amerika sei genau so ein Papiertiger wie seinerzeit die UdSSR. Die Feldzüge gegen die Taliban und gegen Saddam Hussein haben den Respekt vor amerikanischer Stärke für einen kurzen historischen Augenblick wiederhergestellt. Längst jedoch schwindet das Ansehen des Westens und seiner Verbündeten wieder. Israels ergebnisloser Sommerkrieg 2006 gegen Hisbollah, die Machtübernahme von Hamas im Gaza-Streifen, der fortgesetzte atompolitische Provokationskurs Irans – das alles sind Geländegewinne und Propagandasiege antiwestlicher Kräfte. Man kann sich ausmalen, welches Echo eine De-facto-Kapitulation Amerikas im Irak fände, die ganz andere Dimensionen hätte. Nach der Sowjetunion hätte die zweite Supermacht des 20. Jahrhunderts die Waffen gestreckt. Der Kampf, der nach dem 11. September 2001 sichtbar ausgebrochen ist, geht nicht zuletzt um Prestige, Einschüchterungspotenzial, die Wahrnehmung oder Vermutung von Stärke. Der Eindruck, Amerikas Wille sei gebrochen, würde den gesamten Westen und die ganze internationale Ordnung in Mitleidenschaft ziehen.