Erinnerungen. Manche sind tief vergraben. Andere fallen leichter, zum Beispiel die an jenen Spätsommertag 1972. Stefan Rast sagt, er sei von ihnen in die "Werkstatt 68" einbestellt worden, den Karlsruher Jugendtreff im alten Bahnhof Mühlburg. Sie saßen im Halbkreis, als sie ihm mitteilten, dass er in Zukunft nicht mehr dazugehören würde. Rast hat fast stumm darauf reagiert, nur noch ein "Wirklich?" herausgebracht. Sie schwiegen, bis er den Raum verlassen hatte. Es dauerte nicht lange, bis aus dem ersten Schmerz Erstaunen wurde. Und dann so etwas wie Erleichterung. Endlich. Er sagt, dass er beim Weggehen schneller, immer schneller wurde. Bis es wie Fliegen war.

2007, ein Frühsommertag. Stefan Rast wollte sich in der alten Stammkneipe der Gruppe treffen, im Grünen Hof, nicht weit weg von der Schule. Doch das Lokal gibt es nicht mehr. Deshalb sitzen wir in einem Café schräg gegenüber, am Rande der kopfsteingepflasterten Fußgängerzone von Ettlingen. Er hat einen Tisch mit ausreichend Abstand zu den anderen Gästen gewählt. Er sagt, er habe lange nicht gewusst, ob er mit einer Journalistin reden solle. Seine Frau habe letztlich den Ausschlag gegeben. "Sie hat gemeint, ich soll das machen. Sie findet meine Geschichte wichtig für das Verständnis der zeithistorischen Umstände."

Stefan Rast ist 53 Jahre alt. Sein Haar ist kaum länger als die Bartstoppeln, dunkelblaue Augen hinter halb eingefassten Brillengläsern. Stefan Rast ist nicht sein richtiger Name. Beim ersten Treffen will er unbedingt die Anonymisierung, beim zweiten gerät er ins Zögern, immerhin hat er nichts verbrochen. Doch am Ende bleibt es beim Pseudonym. Er will nicht, dass seine Frau oder die beiden Söhne Probleme bekommen. Und er will diese Geschichte nicht mehrmals erzählen müssen, die an einem Morgen im Schuljahr 1970 begann, als im Eichendorff-Gymnasium in Ettlingen ein neuer Mitschüler das Klassenzimmer betrat. Christian Georg Alfred Klar, 18 Jahre alt. Mutter: Gymnasiallehrerin, Vater: Vizepräsident des Oberschulamtes Karlsruhe.

Als der Abi-Jahrgang 1972 nach zehn Jahren Abiturtreffen feierte, stand die Festnahme des steckbrieflich gesuchten RAF-Mitglieds Christian Klar – "Größe 180 bis 182 cm, blaue Augen, ausgeprägter Adamsapfel, zeitweise Brillenträger" – unmittelbar bevor. Beim Zwanzigjährigen war Klar schon längst verurteilt zu 15 Jahren Haft plus sechsmal lebenslänglich, unter anderem wegen Beteiligung an der Ermordung von Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns Martin Schleyer.

Fünf Schüler waren es, die sich damals an diesem Gymnasium angefreundet hatten. Eine Clique waren sie, selbst bezeichneten sie sich als "Basisgruppe". Fünf Lebensläufe. Einer ist nicht mehr am Leben. Johannes Thimme starb am 20. Januar 1985 beim Versuch, einen Sprengstoffanschlag auf die Niederlassung der Versuchsanstalt für Luft und Raumfahrt in Stuttgart-Möhringen zu verüben. Sein Bruder, auch einer von den fünf, will heute weder über seinen Bruder noch über die damalige Zeit sprechen. Christian Klar sitzt im Gefängnis. Stefan Rast arbeitet als Kleinunternehmer in der Biobranche. Und dann gibt es noch Klaus Wiegand, heute Requisiteur an einem Theater in Karlsruhe.

Das Schienennetz des Lebens: Warum wird der eine Freund radikal, warum schreckt der andere zurück? Wa­rum mordet der eine? Wo zieht der andere die Grenze? Wie blicken sie heute auf ihre Lebenswege? Christian Klar antwortet mit einem Brief aus dem Gefängnis in Bruchsal: "Die Reportage, an der Sie arbeiten, werde ich gerne lesen. Ich kann aber keinen Stoff in der Weise beisteuern, wie Sie es mir vorschlagen."