Krise? Welche Krise? So wird auch das Gros der Notenbanker denken, die sich am heutigen Donnerstag in Frankfurt treffen. Es ist die erste Zusammenkunft des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) nach der Sommerpause, die alles andere als ruhig war. Dennoch sind die Krisensymptome auf den ersten Blick nicht so leicht zu identifizieren: Die Aktienmärkte notieren noch nicht einmal zehn Prozent unter ihren Rekordhöchstständen von Mitte Juli. Die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen sind im August zwar gestiegen, aber waren sie vorher nicht viel zu niedrig? Und am Devisenmarkt hat sich vor allem der zuvor sehr billige Yen etwas verteuert. Vernünftige Korrekturen, könnte man meinen.

Den Stress im Finanzsystem entdeckt nur, wer auf die Geldmärkte schaut, dorthin also, wo sich Banken untereinander Geld für ein paar Tage bis hin zu ein paar Monaten leihen. Dort findet entweder gar kein Handel mehr statt oder nur zu ungewöhnlich hohen Zinssätzen. In den vergangenen zwei Wochen hat sich Dreimonatsgeld um 30 Basispunkte auf 4,7 Prozent verteuert – und das, obwohl die EZB immer wieder mit frischem Geld versucht hat, Liquiditätsengpässe zu verhindern. Und das, obwohl seit einer Woche ziemlich klar ist, dass die EZB entgegen ihrer Ankündigung Anfang August den Leitzins nicht erhöhen wird. Das wäre viel zu riskant. Denn die gegenwärtige Krise ist ernst und ohne Beispiel.

Sie ist ernst, da es für eine Volkswirtschaft nichts Schlimmeres gibt, als Misstrauen der Banken untereinander. Ohne Vertrauen funktioniert das auf Kredit basierte System nicht. Wobei es ziemlich egal ist, ob Geld in letzter Instanz durch Gold gedeckt ist oder es sich um reines Papiergeld handelt. Aber warum trauen die Banken sich nicht mehr über den Weg? Weil sie wissen, wie es im eigenen Haus ausschaut, und daraus auf die Situation in den anderen Instituten schließen? Weil sie mit noch weiteren Schreckensnachrichten à la IKB und SachsenLB rechnen? Beide Banken hatten ein zu großes Rad in den neumodischen, strukturierten Forderungen gedreht, waren in Liquiditätsnöte geraten und mussten gerettet werden. Warum sollen eigentlich Investoren und Kunden den Banken trauen, wenn die, die es am besten wissen müssten, kein Vertrauen mehr zueinander haben?

Die Krise ist ohne Beispiel, weil es sich um die erste Krise des modernen, verbrieften Kapitalismus handelt. Diese Spielart des Kapitalismus hat in den vergangenen zehn Jahren immer mehr Risiken handelbar gemacht – bis hin zu Immobilienrisiken im letzten Winkel Idahos. Und plötzlich ist die regionale Immobilienkrise in Amerika ein Weltereignis, da die Hypothekenforderungen durch kaum zu durchschauende Wertpapiere rund um den Globus verteilt sind. Sie liegen in den Bilanzen der Banken in Shanghai oder Peking genauso wie in Düsseldorf (IKB) oder Leipzig (SachsenLB).

In früheren, national begrenzten Immobilienkrisen wussten Notenbank und Finanzministerium relativ rasch, wie schlimm es um die heimischen Banken bestellt war, und konnten entsprechend reagieren. Die gegenwärtige Krise hat dagegen niemand auch nur ansatzweise im Griff. Ja, sie wird noch nicht einmal als solche von allen Verantwortlichen verstanden.

Das trifft auch für die Ratsmitglieder der EZB zu. Sie ergehen sich lieber in philosophischen Debatten, ob man Spekulanten helfen dürfe, als konkrete Rettungspläne zu entwerfen, wie aus Notenbankkreisen zu erfahren ist. Unter dem Schlagwort "Moral Hazard" kommen auch in der öffentlichen Debatte viele gut gemeinte, aber völlig unangemessene Ratschläge. Moral Hazard bezeichnet das Phänomen, dass der Abschluss einer Versicherung Anreize für riskanteres Verhalten setzt. Man ist ja schließlich versichert. Weil so auch die Spekulanten dächten und handelten, sollten sie bitte kräftige Verluste erleiden, damit sie das nächste Mal vorsichtiger zockten. Auf jeden Fall sollten die öffentlichen Stellen, also Notenbank und Finanzministerium, alles unterlassen, was die Krise mildern könnte.