In der islamischen Welt wird sehr unterschiedlich mit der Gentechnologie umgegangen. Das Niveau der medizinischen Forschung differiert von Land zu Land, jeweilige soziale Entwicklungen spielen eine Rolle, ebenso der verschieden starke Einfluss der Religionsgelehrten, außerdem unterscheiden sich die Haltungen der Schiiten und Sunniten.

So ist etwa die Anwendung teurer, auf Gentechnologie basierender Therapien nur in wenigen Staaten wie Saudi-Arabien möglich, weil nur dort das nötige Geld vorhanden ist, wie der Berliner Molekularbiologe Burghardt Wittig zu berichten weiß. Andererseits ist in Saudi-Arabien der Einfluss konservativer Rechtsgelehrter sehr groß; sie schrieben Wittig vor, bei seiner Therapie alle Komponenten, die von Schweinen stammten, durch andere zu ersetzen. »Das war gar nicht so einfach«, sagt Wittig, »aber schließlich haben wir es geschafft.« Das Beispiel ist typisch für die islamische Welt. Man steht medizinischen Neuerungen zunächst offen gegenüber, ganz gemäß einem Ausspruch des Propheten Mohammed: »Gott hat keine Krankheit ohne deren Medizin geschaffen.« Technische Erfindungen werden daher lediglich als eine weitere Entdeckung von Gottes Willen angesehen. Reproduktives Klonen wurde zum Beispiel von den islamischen Rechtsgelehrten nicht als »Gott spielen« verurteilt – es handele sich nur um das Aufspüren einer Regel, die der Schöpfung innewohne. Dennoch sei es zu verbieten, denn durch Klonen könne das Konzept der Abstammung durcheinander geraten.

Was wäre denn der Klon – der Bruder seines Zellspenders? So wurde gefragt. Die Linien der Abstammung klar und eindeutig zu halten ist aber ein Grundprinzip des islamischen Rechts. Medizinische Neuerungen geraten also für islamische Rechtsgelehrte immer da an die Grenze des Erlaubten, wo sie gegen einen Rechtsgrundsatz oder eine Regel verstoßen. Bei Schiiten spielt zudem das Rechtsprinzip des urf, der Gewohnheit, eine viel größere Rolle. So argumentierten einige Gelehrte, Verwandtschaften seien soziale Konstrukte und könnten sich somit je nach Zeit und Ort verändern, das Klonen könne also nicht endgültig verboten werden.

Diese Haltung passt gut zu jüngsten Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin (IVF) Irans: Während in sunnitischen Ländern alle Formen künstlicher Befruchtung außerhalb der Ehe verboten sind, wird seit einiger Zeit mit dem Segen der Ajatollahs die Eizell- und sogar die Embryonenspende in Iran praktiziert – weshalb ein gehöriger IVF-Tourismus von Patientinnen in das Land eingesetzt hat. Jedoch ist Religion nur ein Faktor in der nahöstlichen Medizinpolitik, wie der Umgang mit dem Thema Behinderung zeigt. Die ist traditionell kaum stigmatisiert, jedoch hat der hohe Prozentsatz von Verwandtenehen über Generationen dazu geführt, dass Erbkrankheiten wie die Beta-Thalassämie gehäuft auftreten. Einige Staaten wie Iran oder Jordanien haben daher Programme eingeführt, um Heiratswillige auf diese Krankheit hin zu testen. Auch Behinderung ist als Abtreibungsgrund von den Rechtsgelehrten akzeptiert worden – mit der Auflage allerdings, die Behinderung müsse »schwer« sein. Ein sechster Finger, so das übliche Beispiel der Gelehrten, stelle jedenfalls keinen Abtreibungsgrund dar.

In Tunesien wiederum ist das Interesse an pränatalen Untersuchungen groß: Der Trend geht zur Kleinfamilie, oft mit nur einem Kind. Dies hat laut der tunesischen Genetikerin Habiba Chaabouni schlicht Pragmatismus zur Folge: »Die Leute wollen, dass ihr einziges Kind gesund ist und Karriere machen kann.«

Thomas Eich ist Islamwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum