Jeden Morgen der gleiche ängstliche Blick in den Briefkasten: Ist er endlich da, der Bescheid der Wunsch-Uni? Überall in Deutschland warten in diesen Tagen Tausende von Abiturienten auf die Nachricht, die ihr Leben in den kommenden Jahren entscheidend beeinflussen wird, die vielfach die Weichen für ihre berufliche Zukunft stellt: Haben sie einen Studienplatz? Und wenn ja, auch in dem gewünschten Fach und an der Hochschule, die sie bevorzugen?

Das bange Warten ist das Ende eines häufig jahrelangen Entscheidungsprozesses, der manchmal schon in der elften Klasse anfängt. Eine neue Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) und des Abi-Messenveranstalters "Einstieg" zeigt jedoch: Trotz aller Bemühungen, sich früh über ihre Studiermöglichkeiten zu informieren, ist das Wissen vieler Schulabgänger über geeignete Hochschulen und Studienfächer noch Wochen vor dem Abitur erschreckend gering. Der Hälfte der befragten 3600 Schüler waren nicht mehr als drei Hochschulen namentlich bekannt, einem Fünftel fiel kein einziger Name ein. "Die Schulen sind offenbar nicht in der Lage, den Abiturienten Orientierung zu bieten", sagt Markus Langer vom CHE.

Die Ergebnisse der Studie sind allerdings umstritten, wie Kritiker betonen. "Die Macher haben viel zu wenige Schulen befragt und bestimmte Schultypen wie die berufsbildenden Schulen vollständig ignoriert", sagt Christoph Heine vom Hochschul-Informations-System (HIS), der seit Jahren Absolventenstudien durchführt. "Dadurch sind die Daten nicht mehr repräsentativ, und die Schlussfolgerungen, die man aus ihnen zieht, äußerst fragwürdig." Die mangelnde Repräsentativität bestätigen auch die CHE-Autoren. "Dennoch halten wir die Ergebnisse für außerordentlich interessant, denn sie erzählen viel über die Art und Weise, wie junge Menschen sich heute für ein Studium entscheiden", sagt Markus Langer.

So bewertet der Studie zufolge nur jeder dritte Schüler den Rat von Lehrern als einflussreich für seine Studienwahl, die Berater in den Arbeitsagenturen schneiden kaum besser ab. Am meisten Einfluss haben offenbar die Eltern, fast 70 Prozent der Abiturienten beurteilen sie entsprechend positiv. Erschreckend ist, dass die große Mehrheit (61,4 Prozent) zum Zeitpunkt der Befragung noch mit keinem Studienberater an den Hochschulen gesprochen hatte. Dabei wird deren Rat von den wenigen Schülern, die ihn in Anspruch genommen haben, extrem positiv eingeschätzt.

Auffällig ist, dass die Abiturienten immer noch großen Wert auf Broschüren und andere gedruckte Informationsmaterialien legen: 43,3 Prozent bezeichnen sie als "wichtig", ein hoher Wert, auch wenn das Internet mit 66,2 Prozent eine größere Rolle spielt. Bildungsmessen haben mit 17 Prozent eine deutlich geringere Bedeutung.

Womöglich hat es auch mit dem insgesamt niedrigen Informationsstand der Abiturienten zu tun, dass sie ihre Fächerwahl zu fast zwei Dritteln entsprechend ihren Neigungen und Begabungen ausrichten wollen, die Chancen am Arbeitsmarkt sind nur für jeden Zehnten von Relevanz. Bei der Wahl der Hochschule wiederum dominiert der Wunsch nach einer studierfreundlichen Ausstattung der Gebäude, ansprechendem Service und guten Betreuungsverhältnissen.