Neues hat sich in der Musikgeschichte oft durch Skandale angekündigt, und mit tosendem Unverständnis wurde auch die Uraufführung von Iannis Xenakis’ Orchesterstück Metastaseïs 1955 in Donaueschingen quittiert. Das auf Novitäten durchaus eingestellte Publikum hatte damals instinktsicher erkannt, dass mit dieser Musik etwas nicht stimmte. Sie funktionierte nicht nach den Mustern von Thema, Motiv, Tonhöhe und Rhythmus, sondern brachte anderes hervor: Massen, Felder, Flächen.

Die Idee zu dem Stück entstammte zudem einem Erfahrungsbereich, aus dem Komponisten eher selten schöpfen – den Erlebnissen als Widerstandskämpfer. 1922 in Rumänien geboren und in Griechenland aufgewachsen, beteiligte sich Xenakis in den vierziger Jahren im Kampf gegen die nationalsozialistische Besatzung: "Die Deutschen wollten Griechen als Zwangsarbeiter ins ›Dritte Reich‹ deportieren – aber wir inszenierten riesige Protestdemonstrationen. Ich lauschte dem Geräusch der Menge, die auf das Zentrum Athens zumarschierte, hörte das Skandieren der Parolen, die abgehackten Maschinengewehrsalven, das rhythmische Geräusch Hunderttausender Demonstranten… Nie hätte ich gedacht, dass all dies eines Tages an die Oberfläche dringen und zu Musik werden würde: Metastaseïs."

Zu Beginn von Metastaseïs spannen auseinanderstrebende Glissandi eine Klangfläche auf. Durch Tremoli wird sie in Vibration versetzt, in Partikel zerstäubt, vielfältig gewandelt und am Ende wieder durch Glissando-Kurven zum Ausgangspunkt, einem einzelnen Ton, zurückgeführt. Mit diesem Stück führte Xenakis den Begriff der "Masse" in die Musik ein. Er organisierte ihre Bewegungsrichtung und -energie, Verdichtung und Verflüchtigung. Xenakis griff zu mathematischen Verfahren, wie die Physik sie für Strömungen verwendet, denn er hatte nicht nur Musik studiert, sondern war auch Ingenieur und Architekt.

In Griechenland durch seine Untergrundaktivitäten zum Tode verurteilt, verdiente er in Paris sein Brot im Büro von Le Corbusier. Dort entwarf er die Pläne zum Philips-Pavillon der Weltausstellung in Brüssel 1958, der berühmt geworden ist durch seine frei tragende Konstruktion hyperbolischer Flächen, die wie Wellen ineinander übergehen. Zum Entwurf verwendete er die Skizzen, die er für Metastaseïs berechnet hatte – der wohl einmalige Vorgang, ein Musikstück zum Vorbild für ein Gebäude zu machen. Trotz aller Rechenarbeit hatte Xenakis nicht die Absicht, abstrakte, selbstbezügliche Musik zu schreiben: "Der Hörer muss gepackt und, ob er will oder nicht, in die Flugbahnen der Klänge hineingezogen werden. Der sinnliche Schock muss ebenso eindringlich werden wie der Schlag des Donners oder der Blick in einen bodenlosen Abgrund." Das ist ihm gelungen.

Iannis Xenakis: Orchestral Works and Chamber Music; Orchester des SWR, Ltg.: Gilbert Amy, Hans Rosbaud (Col Legno 20504/Harmonia Mundi)