Ein unfassbarer Skandal fand im Vorfeld des Papstbesuches statt. Den Tiroler Schützen – noch immer sind sie die Schutzmacht des Landes gegen Bedrohungen aller Art, seien es invasionslüsterne Südländer oder renitente Touristen – wurde es untersagt, ihrem Ehrenmitglied Benedikt XVI. Salut zu schießen. Nicht genug damit, das Protokoll sah sogar vor, die Schützen nicht vor dem Stephansdom, sondern hinten in der Rotenturmstraße aufzustellen, also "weit weg vom Schuss", wie ihr Kommandant klagte: "Wir hätten dem Papst nur aus der Entfernung zuwinken können." Also wie alle anderen Gläubigen auch. Ungeheuerlich! Die Begründung der Wiener Behörden klingt fadenscheinig: Es stelle ein unkalkulierbares Risiko dar, in der Nähe einer großen Menschenmenge Gewehrsalven abzufeuern. Läppisch! Mit absolut nachvollziehbarer Wut fürchten nun die wehrhaften Männer, in Wien sei das Protokoll stärker als der Heilige Geist. Bei allem Verständnis für den Furor, diese Formulierung muss als blasphemisch abgelehnt werden, zumal sich keine Bibelstelle finden lässt, die auf eine Vorliebe des Heiligen Geistes für Gewehrsalven hindeutet. Die Schuldige für diese Schandtat ist indes schnell gefunden: Es ist die Bundeshauptstadt mit ihrer Ignoranz gegenüber altehrwürdigem Brauchtum. Daher wird nun überlegt, den Heiligen Vater ins Heilige Land einzuladen, um ihm dort extra ein paar Heilige Salven zu schießen. Die Heilige Schützentradition, welche die unheiligen Wiener nie verstehen werden, müsse man dem Papst nicht erst erklären, behauptet der Hauptmann der Heiligen Kompanie. Nun wissen wir also, was das Heilige vom Unheiligen trennt – Gewehrsalven.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben