Langsam kann man es auch mal satthaben. In den letzten Jahren sind die großen Filmfestivals zu einer Art Langzeittherapie der amerikanischen Gesellschaft geworden. Natürlich kann niemand etwas dagegen haben, wenn sich das Kino mit den Folgen des 11. Septembers, mit terroristischen Bedrohungen und dem Irakkrieg beschäftigt. Oder wenn es amerikanische Befindlichkeiten in Krisenzeiten erkundet. Aber der Bewältigungszirkus hat auch seine Redundanzen. Er macht Festivalpaläste zu Traumazentren, Pressekonferenzen zu Gruppensitzungen und Filmkritiker zu Therapeuten. In diesem Jahr präsentiert sich der Lido als Amerikas Analytikercouch, hier sind düstere Spätwestern und verzweifelte Kriegsfilme, ramponierte Ikonen und versehrte Männerseelen versammelt.

Tatsächlich wirkt die überfüllte Pressekonferenz von Brian De Palma, der seinen Irakfilm Redacted im Wettbewerb zeigt, wie die Anamnese einer angeschlagenen Nation. Anders als in den siebziger Jahren, als der Vietnamkrieg in Amerikas Wohnzimmer einbrach, gebe es vom Irakkrieg keine Bilder in den US-Medien, sagt De Palma: keine Kampfhandlungen, keine Toten, keine Verwundeten, keine heimkehrenden Särge. Daher habe er einen Film gedreht, der einem breiten amerikanischen Publikum zeigen solle, »was da unten wirklich passiert«.

Was passiert, ist Schwitzen, Warten, Patroullieren, Schießen und Durchdrehen. Man ahnt, was De Palma erzählen will. Etwa was es heißt, in voller Montur mit Helm und schusssicherer Weste fünf Stunden lang bei vierzig Grad im Schatten einen Checkpoint zu bewachen. Oder jeden Tag Menschen zu kontrollieren, deren Sprache man nicht versteht, deren Sitten man nicht kennt und die man nur als mögliche Sprengstoffträger wahrnimmt. Von diesem Alltag einer Handvoll Soldaten, die in Samarra stationiert sind, will Redacted in Form eines pseudodokumentarischen GI-Videotagebuchs erzählen. Die wackelnde Kamera versucht live zu wirken, schnappt aber nur aufgesagte Dialoge auf, die aus dem Handbuch des dumpfen Soldaten zu kommen scheinen. Seinen Versuch, eine realistische Soldatenperspektive einzunehmen, überhöht De Palma mit Barockmusik und Auszügen aus Puccinis Tosca. Mit diesem Gemisch aus kruden Stilmitteln und widerstreitenden Ambitionen steuert er auf eines der schlimmsten Kriegsverbrechen zu, die im Irak begangen wurden.

Irgendwann beschließen die Soldaten, nachts einer vierzehnjährigen Irakerin einen Besuch abzustatten. Die auf einem Helm befestigte Videokamera hält fest, wie die Männer in die Schlafzimmer einbrechen, das Mädchen vergewaltigen und zusammen mit seiner Familie ermorden und anzünden. Der Rest des Films besteht aus den Vertuschungsversuchen und Verhören der Soldaten.

Es hat etwas Scheinheiliges, dass sich De Palma auf ein weltweit verurteiltes Verbrechen konzentriert, statt den Kriegsalltag zu schildern, der es hervorbringt. In Redacted sind die an der Tat beteiligten GIs reaktionäre Bestien, in deren Grinsen fotogener Wahnwitz aufblitzt. Hohnlachend und bierselig, fast wie Karikaturen ihrer selbst, begehen sie die Tat.

Schon einmal, vor rund zwanzig Jahren, drehte Brian De Palma einen Film über ein amerikanisches Kriegsverbrechen. In Casualties of War (Die Verdammten des Krieges) schilderte er die tagelange Vergewaltigung und anschließende Ermordung einer jungen Vietnamesin durch amerikanische Soldaten. Schon damals blieb das Opfer seltsam unpersönlich und geschichtslos, während die Vergewaltigungen ausführlich ins Bild gesetzt wurden. In Redacted gibt es eine ähnliche Unentschlossenheit zwischen Anklage und Kolportage, echter Auseinandersetzung und De Palmas B-Movie-Instinkten. Trotzdem erfasst dieser Film etwas, gerade in seinem Scheitern: weil De Palmas Unfähigkeit, für diesen Krieg eine halbwegs überzeugende Kinoform zu finden, auch von der Verzweiflung erzählt, aus der sein Film entstanden sein muss.

Betrachtet man den Festivalzirkus der letzten Jahre tatsächlich als eine Art amerikanisches Traumabewältigungsprogramm, dann wäre Brian De Palma ein Patient, der sich mit Redacted noch in der chaotischen Rede des Schocks befindet, während Paul Haggis und sein Film In the Valley of Elah schon ein recht reflektiertes Verhältnis zu Schuld und Verdrängung besitzen. De Palma sucht die schmutzige Wahrheit des Krieges, Haggis interessiert, was er mit den Menschen, die ihn führen, anrichtet. De Palma will den Krieg mit seinen Bildern nach Amerika holen, Haggis zeigt, dass er dort längst angekommen ist. Wo der eine aufhört, fängt der andere erst an.