Ein Wochenende nationaler Demütigungen liegt hinter uns, liebe Leser. Der deutsche Ruderachter, unser Flaggschiff, nur Zweiter bei den Weltmeisterschaften im eigenen Land. Bei der Leichtathletik-WM ausgerechnet von den Polen rausgerempelt. Und dann hat noch Tom Cruise unserem schneidigen Kino-General Florian Henckel von Donnersmarck im Offizierscasino etwas ins Ohr geflüstert: Er könne, nachdem ihm für die Darstellung Stauffenbergs schon zwei Finger amputiert wurden, beim besten Willen nicht auch noch sein Gesicht auf Angela Merkel umoperieren lassen, um das Bild der Deutschen im Ausland auf Jahrzehnte hinaus zum Strahlen zu bringen. Täte ihm wirklich leid.

Hat die deutsche Selbstversöhnung also gleich wieder Sendepause? Ist der ganze schöne Aufschwung nur ein romantisches Wahnbild gewesen? Schreibt sich Gabor »Abstieg eines Superstars« Steingart auf seiner neuen, umweltschonenden Zweidrittelstelle beim Spiegel bereits warm für die nächste Apokalypse made in Germany? Nein, keine Sorge. Gabor, lass den Kuli stecken, denn wir haben Willi Chevalier. Auf das deutsche Rittertum ist auch 488 Jahre nach dem Tode des letzten Ritters, Maximilians I., immer noch Verlass. Willi Chevalier aus 72488 Sigmaringen ist soeben im südenglischen Brighton Weltmeister in der Kategorie »Kinnbart Freistil« geworden.

Wenn du denkst, es geht nichts mehr, kommt irgendwo ein Barthaar her – unser Willi hat diese letzte, verzweifelte Hoffnung der deutschen Sozialdemokratie einfach beim Schopf gepackt und in einen Triumph verwandelt. Selbst unsere Urängste vor den Billiglohnländern im Osten können wir uns nun getrost von der Backe putzen, denn auch die Titel in den Disziplinen »Schnauzbart ungarisch« sowie, noch wichtiger, »Kinn- und Backenbart chinesisch« gehen in diesem Jahr to the homecountry of the kaiserlicher Backenbart.

Jetzt ist es nur noch eine Frage der richtigen Wichse, bis dieser unerwartete WM-Schub den Rest des Landes erfasst. Selbst für Tom Cruise gibt es in diesem Herbstmärchen eine Rolle, die er nicht ablehnen kann: Er muss Kurt Beck sein. Finis

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