Er wollte ein anderes Licht. Nicht mehr protestantisch-fahl sollte es sein, sondern katholisch-warm wollte es Dietmar Müller-Elmau. Die Erleuchtung kam aus Italien: Jetzt strahlt katholisch-warmes Licht aus paarweise angeordneten blattgoldbelegten Halbmonden. Die Designerlampen kennzeichnen – ob im Badehaus oder in der Bibliothek – das neue Schloss Elmau. Das alte war im August 2005 nach einem Brand zu zwei Dritteln vernichtet worden. Im Ersten Weltkrieg als Urlaubsheimstatt eher anthroposophisch gesinnter Tanz- und Naturfreunde gegründet, diente Elmau lange Jahre als Zufluchtsort des deutschen Bildungsbürgertums. Seit Juli ist das Schloss wieder eröffnet. Es trägt das Prädikat "Fünf Sterne Superior" und gehört zu den Leading Hotels of the World.

Ausgerechnet im Zimmer des ehemaligen Hoteldirektors und Wahrers der alten Werte war das Feuer ausgebrochen. Dem Neffen und seit 1997 alleinigem Geschäftsführer machte es den Weg frei für seine gar nicht mehr so bescheiden-protestantischen Vorstellungen. Deutsche Innerlichkeit raus, Weltläufigkeit rein. International, mehrdimensional, hybrid, so definiert Dietmar Müller-Elmau sein Haus. Schon der Name ist programmatisch: The Elmau Schloss Experience heißt das wiedererstandene Hotel hinter Garmisch-Partenkirchen, und im Untertitel "Cultural Hideaway & Luxury Spas". Dietmar Müller-Elmau möchte die Welt zu Gast haben. Dass ein amerikanischer Familienvater beim Abendessen seine liebe Not hat, Wasser zu bekommen, ganz normales Wasser, das weder sprudelt noch etwas kostet, ahnt der polyglotte Hausherr vielleicht gar nicht.

Auf den ersten Blick sieht das Schloss mit seinem charakteristischen Turm, den Lärchenschindeln außen, den Solnhofener Platten innen, fast genauso aus wie zu Großvater Müllers Zeiten. Die Säulen im Foyer, die langen Flure, der Konzertsaal – respekteinflößend wie ein klösterliches Schullandheim. Doch durch die Räume ist heftig der Lifestyle gefegt. Die neuen Zimmer wurden zu Gemächern. Die Einrichtung, bei der die luxuriösen Aman-Resorts Pate standen, tendiert eher eindimensional in Richtung Asien: in der Form schnörkellos elegant und manchmal etwas grobklotzig – die ausladenden Sofas, die opulenten Chaiselongues. Zum Wohlfühlen schön sind die Materialien: Stoffe aus Indien, Teak aus Indonesien, geölte Eiche der Boden, amerikanische Kirsche das 2-Meter-mal-2,10-Meter-Bett. Der Hausherr ließ den Fenstern mehr Platz nach unten, um die Sicht freizugeben auf die Landschaft. In manchen Suiten geht der Blick direkt vom Schaumbad in den oberbayerischen Wald: Das Ambiente ist gekonnt – doch gottgegeben.

Das Paradies muss Schloss Elmau für die Zielgruppe "betuchte Eltern plus kostbarer Nachwuchs" sein. Nicht nur weil der bis zum Alter von zwölf in diesem Jahr kostenlos im Zimmer der Eltern wohnen darf, sondern weil die Kinder in der Zeit der großen Ferien im zweckentfremdeten Literaturhaus gemeinsam essen und aus bunten Bechern trinken können, weil sie bei speziellen Themenwochen besonders betreut gebildet werden, weil sie beim Programm "Abenteuerferien" spielerisch lernen. Dietmar Müller-Elmau setzt wie gehabt auf anspruchsvolles Kinderprogramm. Und er setzt Maßstäbe für Kinderfreundlichkeit im Luxussegment: Welches Hotel hat schon speziell für Familien ein Spa mit Schwimmbad, Dampfbad, Sauna und allem Drum und Dran?

Kinderfrei ist dagegen das brandneue Badehaus. In dem von Lärchenschindeln ummantelten Gebäude, das unterirdisch mit dem Schloss verbunden ist, sieht man viele bunte Bademäntel, orange, blau, rot. Nichts soll an eine Reha erinnern. Ob Beauty Treatment oder Upanaha Svedana, in alle Behandlungszimmer flutet Tageslicht und strömt frische Bergluft. Weil es, gottlob, weder hier noch im Schloss eine Klimaanlage gibt. Die Krönung des Badehauses ist der Pool unter freiem Himmel, in dem man wie direkt neben der Wettersteinwand zu planschen scheint. Selbst im Sommer ist das Wasser auf 30 Grad temperiert, fürs ernsthafte Schwimmen ein wenig zu warm. Aber es gibt ja noch ein Becken auf grüner Wiese und zum Abkühlen den saukalten Ferchenbach. Dort unten ist es so sommerferienschön, dass nicht einmal der Name Natural Spa grantig macht.

Der Konzertsaal heißt noch immer Konzertsaal. Hier spielte gerade Jan Garbarek Saxofon, hier singt im Oktober Mayra Andrade. Fast jeden Abend gibt es ein hochkarätiges Kulturprogramm, kostenlos für Hausgäste, ein Markenzeichen des Schlosses. Bei der Literaturwoche lesen Genazino, Grünbein, Widmer. Gestrichen ist jedoch die legendäre Quadrille, stattdessen steht jeden Mittwoch Swing auf dem Unterhaltungsplan. Für Stammgäste ein Minus.

Konzert als Gratisnachtisch, während die Kinder betreut am Lagerfeuer Stockbrot grillen, da rechnen sich 200 Euro pro Tag und Person. Halbpension eingeschlossen. Gegen Aufpreis verspricht die Speisekarte für das Gourmetrestaurant Wintergarten Bemerkenswertes, denn Küchenchef Michael Hüsken kocht hybrid: Jakobsmuscheln auf Currylinsen und Vanille, Steinbutt geräuchert in grünem Tee, Thunfisch-Thai-Mango-Lasagne auf Wasabi-Gurken-Eis. Der Halbpensionshausgast muss sich aber nicht fürchten, das abendliche Buffet im Speisesaal hält sich im Rahmen. Der Speisesaal ist ein Hort der Tradition, zwar nicht, was bayerische Küche betrifft, doch Elmauscher Gesinnung: Es gibt sie noch – Gemeinschaftstische wie schon bei Johannes Müller selig. Doch so einfach findet der paarweise antretende Kurzurlauber dort nicht Platz. So neigt er mangels neuer Tischbekanntschaften und eingedenk der Fünf Sterne Superior zur Mäkelei: Beleg unterschreiben nach jedem 0,1-l-Glas, der Tafelspitz zum Hauptgang so hauchdünn gehobelt, als seis Carpaccio. Schimmert da etwa protestantische Sparsamkeit durchs katholische Licht? Monika Putschögl

Schloss Elmau, 82493 Elmau, Tel. 08823/180, www.schloss-elmau.de . Die Preise variieren nach Aufenthaltsdauer und Zimmergröße, EZ ab 143 Euro, DZ ab 167 Euro pro Person mit Halbpension