Die Briefe liegen schon bereit. Das US-Heimatschutz- ministerium droht darin Arbeitgebern, die wissentlich illegale Arbeitnehmer beschäftigen, mit strafrechtlichen Konsequenzen. Mitte September sollten die Razzien beginnen. Doch Ende vergangener Woche stoppte ein Bundesrichter diese schärfere Gangart gegen Illegale mit einer einstweiligen Verfügung. Der Gewerkschaftsbund AFL-CIO hatte das beantragt. Der harsche Streit wirft ein Schlaglicht auf ein wachsendes Problem in den Vereinigten Staaten. Er dreht sich um die vielen Millionen Menschen, die dort ohne Papiere leben – und arbeiten. Lange Zeit wurde das von der Mehrheit der US-Bevölkerung akzeptiert. Nun spaltet der Konflikt die Gesellschaft.

Eine belebte Straßenkreuzung vor dem Ortseingang von Southampton an der noblen Küste in der Nähe von New York. Ein Brennpunkt. Kurz vor acht Uhr Samstag früh haben sich hier 150, vielleicht sogar 200 Männer versammelt. Sie tragen Jeans, verwaschene T-Shirts, Arbeitsschuhe. Ihre dunklen Gesichter und schwarzen Haare verraten, dass sie aus Lateinamerika stammen. Es sind Tagelöhner, die darauf warten, von einem der vorfahrenden Pick-up-Trucks eingeladen zu werden.

Es geht um zehn oder zwölf Stunden Einsatz auf Baustellen, auf den Feldern der umliegenden Baumschulen, um die Pflege der großen Gärten der Villenbesitzer. Mitten unter ihnen: ein rotblonder Mann mit sonnengegerbtem Gesicht in Shorts und Arbeitsboots. Er trägt eine tischdeckengroße Amerikafahne und notiert sich auf einem Block die Kennzeichen der Fahrzeuge, in die Arbeiter einsteigen. Ja, meint Thomas Wedell und deutet auf die Umstehenden, die sollte man alle deportieren.

Wedell kommt täglich hierher – wie die arbeitssuchenden Männer. Seinen Job als Bauarbeiter habe er an die illegalen Tagelöhner verloren. "Die arbeiten für viel weniger Geld und haben die Preise kaputt gemacht. Kein Amerikaner kriegt hier noch Arbeit", behauptet er. Der Fahrer eines Pick-ups bringt ihm einen Kaffee, andere hupen und winken im Vorbeifahren. Der 47-jährige Vater von vier Kindern hat seine eigene Protestgruppe gegründet: Anti-Illegal Immigrant Association. Mitglieder seien Kollegen vom Bau, die ebenfalls durch die Billigkonkurrenz der Latinos geschädigt würden.

Eigentlich passen weder Wedells Protestaktion noch die wartenden Tagelöhner zu Southampton. Das Städtchen, gegründet von englischen Einwanderern, die einst mit der Mayflower ins Land kamen, hat laut letzter offizieller Zählung 55000 Einwohner und gehört zu der legendären "Goldküste" an der Spitze Long Islands. Wenige Autostunden oder einen schnellen Hubschraubertrip von New York entfernt. Wer es dort zu etwas gebracht hat, unterhält ein Zweitanwesen in dieser Gegend. Hier versammeln sich die Schönen, die Berühmten und vor allem die Reichen der Metropole. Hollywood-Regisseur Steven Spielberg verbringt seine Ferientage hier, genauso die Spekulantenlegende George Soros. Die einstigen Kartoffeläcker gehören zu den teuersten Grundstücken der Nation. Ein Rekord waren im Mai die 103 Millionen Dollar, die der Finanzier Ron Baron für 16 Hektar zahlte.

Entlang Southamptons Hauptstraße reihen sich liebevoll restaurierte Backsteingebäude, weiß gestrichene Kirchen und Häuser im neuenglischen Kolonialstil. Es gibt Boutiquen, Antiquitätenhändler, eine Buchhandlung und Coffeeshops. Davor parken Automodelle der Oberklasse: Mercedes, Audi, Porsche und der eine oder andere Bentley. Jenseits der Hauptstraße versperren meterhohe Hecken den Blick auf Villen im Stil französischer Châteaus oder englischer Herrensitze. Die illegalen Arbeiter kümmern sich um die Bedürfnisse dieser wohlhabenden Neubürger. Sie streichen Zäune, legen Terrassen an, mähen die Parkanlagen. "Das Baugewerbe und Landschaftsgärtnerei sind inzwischen die beiden wichtigsten Gewerbe hier", sagt Andrew Keshner, Lokalreporter bei der Southampton Press .