Es gibt immer wieder Deutschlanderklärbücher, die unseren schauerlichen, schwierigen, polymorph-perversen Nationalcharakter zu analysieren versprechen. Und es gibt immer wieder Autoren, denen die Analyse angeblich ganz locker gelingt. Sagen deutsche Verlage. Sagen deutsche Zeitungen. Nennen Namen. Aber, liebe enttäuschte Leser, seien Sie getröstet. Jetzt kommt, worauf wir alle gewartet haben, ein wirklich böses, bitterschlaues, todkomisches, postpolitisches, brachialromantisches, anarchomusikalisches deutsch-deutsches Gesangbuch. Rainald Grebe hat die Nation bezwitschert wie seit Heinrich Heine keiner, und das in Reimen. Denn dieser theatralisch vorbelastete, als studierter Puppenspieler auffällig gewordene Volksmusiker fürchtet sich nicht vor aus der Mode geratenen literarischen Moden: "Ich sitz in meiner Kutsche auf dem Brandenburger Tor, / dresche auf die Gäule ein, es geht keinen Meter vor." Oder: "Unsre Eltern ham uns mit Hanuta beworfen, / unsre Nachbarn mit nimm2. / Es hat uns an nichts gefehlt, / aber genau das war das Problem dabei." Grebe singt über den sansosoften Bauspar westen (dort wurde er 1971 geboren) so bissig wie über den klammen Osten (dort absolvierte er erste Bühnenauftritte). Mecklenburg und Pforzheim, Schweinetransporter und Südseeträume, Refrains wie "Reich mir mal den Rettich rüber!" und Wimmern aus Kinderzimmern: All das klingt im Grünen Herzen Deutschlands schön disharmonisch zusammen!