Welch furchtbares Zählen wird das geben!", sagt der Philosoph Günther Anders über den Holocaust. "Wenn sich schon jeder Einzelne als zahllos herausstellt und als unzählbar." Was ist wichtiger, um Nachwachsende für das unzählbar Geschehene zu sensibilisieren? Historische Authentizität oder Geschichten, die sich die Freiheit nehmen, Tatsachen zu verändern, nicht zuletzt deshalb, um Kindern Albträume zu ersparen?

Roberto Benigni hat in seinem Film Das Leben ist schön die Wirklichkeit zum Märchen erweitert und damit verschüttete Tugenden wie Zivilcourage und Fantasie vor das unermessliche Leid gesetzt. Der 36-jährige irische Autor John Boyne hat die Wirklichkeit geschrumpft, um ein Märchen zu erzählen, in dem sich – wie in allen Märchen – menschliche Wesenszüge spiegeln. Seinen Roman Der Junge im gestreiften Pyjama, der inzwischen in 28 Sprachen übersetzt wurde, nennt er deshalb schlicht "eine Fabel". Die Geschichte der heimlichen Freundschaft des Sohns eines Lagerkommandeurs in Auschwitz mit einem jüdischen Jungen erhielt den Irish Book Award als bestes Kinderbuch des Jahres und ist für die renommierte Carnegie Medal nominiert. Die englischsprachige Literaturkritik jubelt. Bei uns jedoch wird auch Kritik laut: Wie kann man die Wirklichkeit verfälschen? In der Tat: Konzentrationslager waren so gesichert, dass es niemals zu einer solchen Begegnung hätte kommen können. Die beiden Neunjährigen, Bruno und Schmuel, treffen sich über ein Jahr lang unbemerkt am Stacheldrahtzaun des Lagers. Am Ende drängt sich der Junge sogar unter dem Zaun hindurch, um gemeinsam mit seinem jüdischen Freund dessen verschollenen Vater zu suchen.

Das Zurechtbiegen historischer Tatsachen ist nicht der einzige Kritikpunkt. Auch die Persönlichkeit Brunos erscheint eigentümlich entwicklungsgehemmt. Der Krieg spielt im Universum des Jungen keine Rolle. Wer oder was ein "Jude" ist, weiß er nicht, obwohl er 1942 mitten in Berlin zur Schule geht. Ebenso gewöhnt sich Bruno nie an eine richtige Aussprache der Schlüsselwörter "Führer" und "Auschwitz". Er spricht, unbeeindruckt von Korrekturversuchen, immer wieder von "Furor" und "Aus-Wisch".

Trotz oder gerade wegen der radikalen Reduktion von Fakten fasziniert der Roman, wenn man ihn nicht als kindgemäße Wiedergabe wirklichen Lebens liest, sondern eben als Fabel. Boyne beschreibt die Welt ausnahmslos aus dem Blickwinkel eines unbefangenen Kindes, man könnte auch sagen: aus der Augenhöhe eines Fabelwesens reinen Herzens. Aus jeder Pore der Erzählung dringt dabei eine von Erwachsenen verursachte Ordnung von Dingen und Menschen, die einem schier den Atem nimmt und eine Atmosphäre allumfassender Kälte verbreitet. Brunos Vater ist eine absolute Autorität. Was er, der seinen Dienst stets in einer geschniegelten und gebügelten Uniform versieht, eigentlich tut, weiß Bruno nicht. Nur dass der Furor mit ihm Großes vorhat. Mutter scheint darunter zu leiden, fügt sich aber. Einzig zwischen Bruno und dem Hausmädchen entwickelt sich mit der Zeit eine gewisse Vertraulichkeit. Dann kommt der Umzug ins Niemandsland. Vater wird Lagerkommandeur. Nur mit den Augen eines gutgläubigen Kindes nähern sich die Leser dem Ort. Was dort geschieht, weiß Bruno nicht. Eines Tages macht er sich heimlich, am Stacheldrahtzaun entlang, auf den Weg und begegnet Schmuel.

Bewundernswert, wie konsequent der Autor die Wirklichkeit ausblendet, um fundamentale menschliche Wesenszüge ins Licht zu rücken und – wie das jede Fabel tut – eine moralische Botschaft ans Ende zu setzen. Die märchenhafte Erzählung spielt nur mit Elementen der Wirklichkeit, kann aber gerade dadurch jungen Lesern die Augen für "das Gute" vor den unzählbaren Abgründen des Holocaust öffnen. In jeder komplexen Geschichte über den Völkermord würden Tugenden wie Offenheit, Herzensgüte und bedingungslose Freundschaft hoffnungsarm in einem Universum des Leids verschwinden. Siggi Seuß