Ange Zhang ist 13 Jahre alt, als Mao Zedong 1966 die Kulturrevolution ausruft und damit das Leben des talentierten Sohnes eines gefeierten, linientreu kommunistischen Schriftstellers abrupt verändert. Ange Zhang gehört plötzlich zu den Schwarzen, dem "Abschaum", denn die Eltern werden als Intellektuelle, als Konterrevolutionäre denunziert und kommen später in Arbeitslager.

Geschickt komponiert Zhang seine Entwicklung in den folgenden vier Jahren, indem er Illustrationen, Abzeichen, Plakate oder Fotografien seiner Familie mit einem Text verbindet, der sich – in altersbedingter Perspektive und Sprache – wie ein schlechter Traum liest: die Zerstörung seines Zuhauses, Demütigungen in Schule und Öffentlichkeit, der Versuch, sich anzupassen, der Verrat an den Eltern, die harte Gruppendisziplin nach der Landverschickung, die Flucht in die innere Emigration und schließlich die Rettung durch sein künstlerisches Talent. Der Halbwüchsige bekommt als würdelose Nummer in einer Arbeitsbrigade Zugang zum geretteten Malkasten der Mutter seines Freundes und beginnt zu zeichnen. Diesem Talent verdanken wir die eindrucksvolle Bilderbuch-Autobiografie über ein nachwirkendes, bedrückendes Kapitel Zeitgeschichte. Es ist die Tragödie einer Jugend, die zu einem großen Teil die heutigen chinesischen Entscheidungsträger stellt.

Das Wechselspiel von Erzählung und Illustration bietet unterschiedliche Zugänge zu Zhangs Erinnerung. Dem Text gehören die Ereignisse, die meist in Rot, Schwarz, Gelb gehaltenen Bilder geben die Atmosphäre wieder: die Idylle des elterlichen Hauses, der freie Flug der Tauben über den Dächern, die alles beherrschende Macht der Polit-Plakate, Uniformen und immer wieder das Gaffen, Schreien, die Gesichter und Gesten voller Hass und Verachtung. Dazwischen Ange Zhang selbst – als staunender, leidender junger Mensch an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

Weil Zhangs Bilder beinahe authentisch zeigen, wie er mit der Revolution wächst, begreifen Leser und Betrachter, dass die chinesische Kulturrevolution vor allem auch ein politisch gelenkter Kinderkreuzzug, eine außer Kontrolle geratene, inszenierte Jugendbewegung war. Am Ende stand ein Weltreich vor dem Kollaps und mindestens eine Generation ohne Ausbildung und Lebensziel. Das Doppelgesicht des heutigen Reiches der Mitte ist eine Konsequenz dieser Epoche, für die im Westen vorwiegend die Mao-Bibel als Symbol stand.

Der Epilog erzählt, wie es für Zhang weiterging, wie es ihm gelang, in das Lager seiner Mutter zu kommen, wo er in einer Bleistiftfirma arbeitete. Nach dem Ende der Kulturrevolution und der Rehabilitierung seines Vaters wurde Zhang Bühnenbildner an der Nationaloper Peking. Von einem Besuch in Kanada 1989 kehrte er nicht in seine Heimat zurück und ist heute unter anderem erfolgreicher Bilderbuchillustrator. Er enthält sich ebenso negativer Werturteile über das chinesische System in Vergangenheit und Gegenwart wie der Anhang des Buches, der Informationen und Dokumente zu Maos Politik und zum Verlauf der Kulturrevolution bringt. Das Buch klagt nicht an. Die Fakten und Bilder sprechen für sich. (Ab 10 Jahren) Birgit Dankert