Der Roman erlaubt es dem Verfasser, von sich zu sprechen, ohne dass es diesen Anschein hat. Und dem Leser ermöglicht er es, sich Fragen über die eigene Person zu stellen. Es ist die uns gemäße Art, unsere Welt und unsere Geschichte zu erfinden", sagt J.M.G. Le Clézio. Und mühelos erkennen wir darin eine Beschreibung seiner eigenen Romane wieder. Romane, die vom Stoff seines Lebens durchpulst sind: von der Abstammung der Familie aus Mauritius, der Kindheit in Westafrika, der Magie des Fremden und der Weisheit des Kosmopoliten. Doch wovon handelt dann Der Afrikaner? Dieses schmale Buch ist kein Roman. Man möchte es eher eine biografische Etüde nennen, Reverie vielleicht.

Der Afrikaner ist niemand anders als Le Clézios Vater, ein Weißer, der auf Mauritius geboren wurde und unter dunklen Umständen die Insel verlassen muss. Er studiert in London Medizin, und einer rebellischen Intuition folgend, meldet er sich als Arzt für den britischen Kolonialdienst. Erste Erfahrungen sammelt er in Südamerika, dann kommt er nach Afrika, in ein Gebiet, heute halb Nigeria, halb Kamerun, das damals in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von den Kolonialmächten noch weitgehend sich selbst überlassen war. Und hier wird er seinen Sohn, den späteren Schriftsteller, zeugen – in einem Moment, den Le Clézio als Traumzeit der elterlichen Ehe imaginiert. Zu seiner Geburt reist die Muter nach Europa zurück, das kurz darauf vom Krieg überzogen wird. Der Vater bleibt allein und verzweifelt in Afrika. Versuche, die Familie zu sehen, scheitern.

Erst 1948 siedelt die Familie nach Nigeria um, und Le Clézio – bereits acht Jahre alt – trifft zum ersten Mal auf seinen Vater: einen unnahbaren, strengen Mann. Einen Gegner, der einem Kind nicht viele Chancen lässt. Die afrikanische Kindheit, die jetzt beginnt, findet fern von kolonialen Schutzräumen unter schwierigen Bedingungen an entlegenen Orten statt. Und doch: "Ich erinnere mich an alles, was ich empfangen habe, als ich zum ersten Mal nach Afrika kam: eine außerordentliche berauschende Freiheit, die ich so intensiv genoss, dass sie fast schmerzhaft in mir brannte." Darüber hat Le Clézio in seinem Roman Onitsha wunderbare Seiten geschrieben, und wir lesen auch hier wieder intensive Beschwörungen jener Erfahrungen, die sein Leben bis heute bestimmen.

Darüber hinaus findet man in Der Afrikaner eine ganze Reihe hinreißender alter Schwarz-Weiß-Fotos, die wohl aus den Beständen des Vaters stammen – und die alle von ihm handeln, ohne dass er darauf in Erscheinung träte. In gewisser Weise imaginiert Le Clézio seinen Vater in diese Fotos hinein. Und nach und nach enthüllt sich uns ein Mensch, den der Sohn so nie kennengelernt hat, ein Mann, auf der Flucht vor der europäischen Gesittung, der bis ins Mark von Afrika durchdrungen ist und der in Afrika das einzige Glück erlebt haben muss, dessen es fähig war – auch wenn die Umstände es ihm später versagten, ein freundlicher Familienvater zu werden.

Es ist ein wunderbarer Umweg, den Le Clézio geht, um seinen Vater wiederzufinden, wie er einen Verschütteten freilegt und freundschaftliche Nähe zu ihm herstellt. Es geht weder um therapeutische Klärung noch um Spätversöhnung – nur um eine magische Berührung, die das Leben nicht erlaubt hat.

Le Clézio ist seinem Romanprogramm treu geblieben. Doch man ahnt, warum er hier auf die Schattenspiele des Fiktiven verzichtet hat.