Heidi Simonis bleibt: Jürgen Hingsen muss die RTL-Show Lets Dance verlassen", so lautet die jüngste Schlagzeile über den zwei Meter großen früheren "Modellathleten". Jürgen Hingsen war einer der besten Zehnkämpfer aller Zeiten und als solcher ein Versager. Das klingt komisch und tragisch, und so ist es auch. Tatsächlich war Jürgen Hingsen 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul beim 100-Meter-Lauf dreimal zu früh gestartet, beim letzen Mal nur 0,0999 Sekunden zu früh. Mit einer Zeit von 0,100 Sekunden hätte er starten dürfen. Der Erfolg, der Sieg, der Ruhm, Anerkennung und Ehre, Geld, Lebensglück, ja die Rechtfertigung des Daseins – sie hängen an einer Zehntausendstelsekunde. So sieht es an jenem 28. September 88 für den dreimaligen Weltrekordinhaber aus, der auf der Stelle aus dem olympischen Dorf in Seoul abreist und sich versteckt.

Doch der öffentliche Spießrutenlauf funktioniert auch mit einem medialen Modellkörper. Und da sind zehn Jahre lang die Albträume, in denen er sich selbst voraus ist in den Startblöcken. Zu dieser dramatischen Aufgipfelung eines Lebenslaufs gehört noch der Zweikampf von Jürgen Hingsen mit dem englischen Erzrivalen Daley Thompson, gegen den Weltrekordler Hingsen siebenmal, und das heißt: immer verlor. Aura und Angst, alles oder nichts, du oder ich – eine Wahnsinnsgeschichte, mit der man die ganze Faszination des Sports mobilisieren könnte in einer großen erzählerischen Reportage, wie sie zum Beispiel Bertram Job schreibt.

Doch den literarisch so gelehrten wie versierten Burkhard Spinnen mit dem notorischen Faible für Mittelmaß und Wahn, für Mittelstand, Mittellagen und mittlere Katastrophen interessiert an der Hingsen-Geschichte vor allem die Verarbeitung des olympischen Unglücks, sozusagen der posttraumatische Stress aller Beteiligten, auch der unmittelbaren Zeugen und der damaligen Fernsehzuschauer. Das ist einerseits typisch Spinnen, weil er die sekundären medienvermittelten Bewusstseinsprägungen ausfächern kann, das ist andererseits ganz untypisch, weil er mit der Hingsen-Figur und ihrem Roman-Gegenspieler Grambach zwei scheiternde Ausnahmegestalten in den Mittelpunkt rückt. Die beiden führen einen Kampf miteinander, auf mehreren Ebenen, einen "Mehrkampf" eben. Und nichts ist im Roman nicht bezogen auf das historische Desaster auf der Tartanbahn.

Als Zuschauer des damaligen Fernsehereignisses hat man in der Regel noch eine vage Idee im Kopf von großer Erwartung und tiefem Fall: der deutsche Siegfried-Typ und seine, in heutigem Jargon: mentale Schwäche. Verblasste mittlere Gefühlslagen: Mitleid, Spott, Rührung. Doch ist man sicher: Das Zeug, Sportfreunde in die persönliche Krise zu stürzen, hatte die Geschichte nicht; erschießen mögen hätte man den scheiternden Sportler nie und nimmer; und dass andere dies hätten tun wollen, mag man auch nicht glauben. Also stellt sich die Frage, warum Burkhard Spinnen genau auf solche psychologischen Extremreaktionen seinen Roman aufbaut.

Warum nimmt er für seinen existenziellen Männerkampf diesen leicht verwischten Stoff? Warum erfindet er nicht einfach ein fernes kollektives Schockereignis? Zumal er die Hingsen-Geschichte aus welchen (persönlichkeitsrechtlichen?) Gründen auch immer stark verändert. So scheitert Spinnens Hingsen-Held mit Roman-Namen Roland Farwick dreimal am Absprungbalken der Weitsprunganlage; zudem in Los Angeles 84 statt in Seoul 88 und so weiter. Warum dieser pseudodokumentarische Einschlag, warum dieser ostentative Realitätsbezug, der den Leser zum Recherchieren nötigt?

Die Antwort auf diese Frage führt uns in den Kern des Romans. Auf seinen ersten spannend erzählten Seiten sehen wir Roland Farwick über einen Marktplatz einer mittleren Stadt kriechen, Schutz suchen vor den Gewehrkugeln, die ihn an Bein und Brust treffen und in nächster Nähe den Putz von den Wänden schlagen. Hilflos kriecht der Held ins Kellerloch. Auf tritt der Kommissar und Gegenspieler, der die Fragen, die dieses Attentat aufwirft, zu beantworten sucht: Ludger Grambach, vielfach ausgewiesenes Genie, das uns auf Motivsuche mitnimmt. Da keine besonderen Turbulenzen im privaten und beruflichen Leben des inzwischen leidlich erfolgreichen Sportagenturberaters Farwick vorliegen, kommt dessen zwanzig Jahre alte Fehlleistung aufs Tapet, das heißt auf die Flipcharts der polizeilichen Sonderkommission und in unsere krimitrainierte Rätselecke im Gehirn.