Gewaltig wirkt Brachiosaurus im halbdunklen Saal. Das Skelett des Riesen ist 24 Meter lang und 12 Meter hoch, das größte des paläontologischen Erlebnisparks Dinopolis im spanischen Teruel. Doch das beeindruckt Alberto Cobos nicht. Der Forscher deutet auf die mannshohe Vitrine hinter dem Schwergewicht: "Dies hier ist unser Meisterwerk." Kein komplettes Skelett gibt es im Glasschrank zu sehen, sondern einzelne Knochen. Ein Bein zum Beispiel, mit Zehenknochen, Schien- und Oberschenkelbein. Überreste eines Turiasaurus Riodevensis. Den Namen trägt das Biest noch nicht lange. Erst vor knapp vier Jahren haben Cobos und sein Kollege Rafael Royo ein paar Dutzend Kilometer von Teruel entfernt die wertvollen Knochen entdeckt.

Mittlerweile steht fest, dass Turiasaurus der größte je in Europa ausgegrabene Saurier ist. Er dürfte mehr als 30 Meter lang und 40 bis 48 Tonnen schwer gewesen sein – da kann auch Brachiosaurus nicht mithalten. "Unsere ersten Funde waren ein Zehenknochen und ein Stück vom Schienbein", erzählt Cobos. Abends haben wir sie hier mit den Knochen des Brachiosaurus verglichen. Da wussten wir, dass wir etwas Außergewöhnliches entdeckt hatten."

Der Schriftzug über der Vitrine lautet noch nicht Turiasaurus, sondern nur "Europäischer Gigant". Die Forscher brauchten einige Zeit, bis sie die Originalität ihres Fundes belegen konnten. "Heute ist es nicht mehr so leicht, einen neuen Namen zu vergeben", sagt Cobos. Erst im vergangenen Dezember beschrieben er und zwei Kollegen den Fund ausführlich in Science , seither hat Turiasaurus seine akademische Initiation hinter sich.

Die spanische Provinz Teruel, nach der das neuentdeckte Urtier benannt ist, zählt zu den bevölkerungsärmsten des Landes. Das trockene, oft bergige Land ist karg, aber für Paläontologen besonders ergiebig. "Die Erde ist kaum bewachsen, das erleichtert den Zugang zum Fels", erklärt Cobos. "Hier gibt es alles, von 500 Millionen Jahre alten Felsen bis hin zu jungem Gestein und Ablagerungen ozeanischen Ursprungs." Der fossile Reichtum regte die Landesregierung von Aragón zum Dinopolis-Projekt an, in dem sich Themenpark und wissenschaftliche Stiftung ergänzen.

Zu Lebzeiten von Turiasaurus, am Übergang vom Jura zur Kreidezeit vor etwa 150 Millionen Jahren, sah der Osten Spaniens völlig anders aus. Die Küste des urzeitlichen Tethysmeeres reichte fast bis an die Gegend von Teruel. Mäandernde Flüsse zogen sich zum Meer hinunter. Die Vegetation war subtropisch, bestand aus Farnen, Palmen und Nadelbäumen. Die Forscher fanden im Umkreis der Saurierknochen auch Überreste von Krokodilen, Fischen und Riesenschildkröten. Dabei geriet ihnen Turiasaurus eher zufällig unter die Augen. Im Mai 2003 stieß Cobos am Rande der Ortschaft Riodeva auf ein Feld, das vor 40 Jahren noch als Acker diente. In den Steinen, die verstreut herumlagen und jedem Bauern nur im Weg gewesen wären, erkannte er sofort fossile Knochenreste. Tausende Bruchstücke lagen auf etwa hundert Quadratmetern zwischen Sandstein und angeschwemmtem Geröll. Zwei Wochen später begann eine eilige Ausgrabung.

Allein der Oberschenkelknochen des Turiasaurus erreicht die Länge eines ausgewachsenen Menschen: 1,79 Meter. Damit bleibt die Neuentdeckung nur knapp hinter dem bisher größten Saurier zurück, dem 1987 in Argentinien ausgegrabenen Argentinosaurus. Dessen Oberschenkelknochen ist zwar nie aufgetaucht, doch Hochrechnungen ergaben eine Länge von 1,81 Metern. Dies mag den Turiasaurus auf den zweiten Platz verweisen, aber sein stolzer Finder preist andere Qualitäten. "Vom Argentinosaurus wurden lediglich fünf Wirbel und ein Unterschenkelknochen geborgen", sagt Cobos. "Wir haben von unserem Tier 25 bis 30 Prozent aller Knochen." Dazu gehören Teile von Vorder- und Hinterbeinen, Füße, Hals- und Brustwirbel, Teil der Hüfte und verschiedene Zähne. Insgesamt sind 70 Knochen identifiziert. Damit ist Turiasaurus der bisher "vollständigste" ausgegrabene Sauropode weltweit.

Die Gruppe der Sauropoden umfasst die größten Saurier. Sie stimmten in Körperbau und Lebensweise weitgehend überein: Ein extrem langer Hals verband einen kleinen Kopf mit einem massigen Leib. Die Beine waren stämmig, fast wie Säulen. Diese Bauart machte die Tiere nicht gerade zu Feinmotorikern, doch nur so konnten sie ihre enorme Masse von maximal 100 Tonnen tragen. Wie diese massigen Körper überhaupt funktionieren konnten, ist ein ungelöstes Rätsel.