Eduard Egarter Vigl gäbe einen guten Commissario ab. Hat er Besuch, nimmt er ihn schon mal mit in die italienischen Alpen, hoch zum Tatort, und spielt mit ihm den Mord nach. Er selbst versteckt sich hinter einem Felsen und schießt, sobald das Opfer kommt, einen imaginären Pfeil ab. Der Getroffene schreit auf. Und dann – ja, was kommt dann? Es gibt mehrere Szenarien für die Fortsetzung. Version eins: Egarter stürmt auf den verwundeten Mann los und haut ihm einen Stein auf den Schädel. Version zwei: Der tödlich Getroffene stürzt mit dem Kopf auf einen Stein.

Reichlich Diskussionsstoff auf 3200 Meter Höhe. Das wahre Mordopfer liegt derweil im Tal. In einer Kältekammer hinter acht Zentimeter dickem Panzerglas. Minus 6 Grad und 98 Prozent Luftfeuchtigkeit halten Ötzi frisch. Gegenwärtig stehen besonders viele Besucher vor dem Bozener Museum Schlange, um die weltberühmte 5300 Jahre alte Gletschermumie zu bestaunen. »Ötzi wurde erschlagen«, war vor ein paar Tagen in den Zeitungen zu lesen. Das muss man doch sehen.

»Gucken Sie«, sagt Egarter und zeigt durch das Sichtfenster auf die Mumie, »wir haben uns immer gefragt, warum der Eismann seinen linken Arm so unnatürlich unterm Hals längs nach oben streckt. Und warum die Wange dort viel dunkler ist als die linke.« Die neue Mordtheorie erklärt es: Das ist ein dicker Bluterguss als Folge eines Schlags auf den Kopf. »Wenn wir hier Blutreste nachweisen könnten, wäre das der endgültige Beweis«, sagt Egarter und hält inne. »Nein. Das kann ich nicht tun! Die Gewebeentnahme würde sein Gesicht entstellen.«

In Eduard Egarter Vigls Brust schlagen zwei Herzen. Eigentlich ist der 58-Jährige Ötzis Leibarzt. Als die Gletscherleiche 1998 von Innsbruck nach Südtirol überstellt wurde, betraute man den Leiter der Pathologie am Zentralkrankenhaus Bozen mit der Konservierung der Eismumie. »Ich bin zuständig für ihre Gesundheit«, sagt Egarter, »sofern man bei einer Leiche von Gesundheit sprechen kann.« Er sorgt dafür, dass sich weder Bakterien noch Pilze über den Körper hermachen. Und er koordiniert die Ötzi-Forschung. Egal, ob Wissenschaftler aus Oxford DNA-Analysen vornehmen wollen oder die tätowierte Haut untersucht werden soll: Jede Anfrage landet auf seinem Tisch.Dann kam der Tag, als der Radiologe Paul Gostner ihm den Schatten auf einem Röntgenbild zeigte. Zuvor hatte man geglaubt, Ötzi sei einfach erfroren. Aber da steckte tatsächlich eine Pfeilspitze aus Feuerstein in Ötzis Rücken. Die Sensation war perfekt. Mord! Von da an hatte der Leibarzt einen zweiten Job: ermittelnder Kommissar in einem der berühmtesten Kriminalfälle der Weltgeschichte.

Er fand neue Indizien, etwa die Handverletzung. Zwischen rechtem Daumen und Zeigefinger hatte ein Messer tief bis auf den Knochen geschnitten. Die Wunde zeigt erste Spuren von Heilung. Auch blaue Flecken auf dem Rücken machen die These plausibel, dass Ötzi zwei, drei Tage vor seinem Tod in einen Kampf verstrickt gewesen sein muss. Im letzten Jahr dann schob Egarter die Eismumie in einen Computertomografen. Deutlich sah man dort, dass der Pfeil eine schulternahe Schlagader getroffen hatte. »Verblutet«, wiederholt Egarter die damalige Diagnose. »Besser gesagt: ausgeblutet. Wir fanden fast kein Blut mehr in der Leiche.«

Die Öffentlichkeit fiebert mit in der Mordsache Ötzi und stürzt sich auf jede Neuigkeit. Untersuchungen zeigen, dass der Schädel zahlreiche Frakturen aufweist. »Eine Reihe davon sind Sprengungsbrüche«, sagt Egarter. Wiederholtes Auftauen und Gefrieren der Mumie haben den Knochen platzen lassen. Aber am Rand der rechten Augenhöhle gibt es einen tiefen Bruch, der von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand herrühren könnte.

Den Tathergang rekonstruiert Egarter so: Nach einer Schlägerei flieht Ötzi verletzt in die Berge. Schließlich erreicht er das Tisenjoch. Erschöpft ruht er sich aus, blickt besorgt zurück, ob ihm jemand folgt. »Da trifft ihn der Pfeil«, sagt Egarter. »Entweder fällt der Eismann auf den Fels, oder der Aggressor schlägt ihn nieder.« Ötzi verliert das Bewusstsein und stirbt in kürzester Zeit am Blutverlust.