Zwei Frauen stehen sich gegenüber und sehen einander an. Die eine hat genau doppelt so viel Lebenszeit hinter sich wie die andere. Die eine ist 64, die andere 32. Wunderbarerweise haben beide am gleichen Tag Geburtstag, am 7. Juli. Der Fotograf hat die Frauen so aufgestellt, sie lassen es lächelnd geschehen, jetzt fotografiert er sie im Profil. Es ist eine vertrackte Inszenierung: Wenn sie einander ansehen, sieht die eine in ihre Zukunft und die andere in ihre Vergangenheit.

Die beiden sind Mutter und Tochter, die Schauspielerinnen Heidemarie Rohweder und Nina Hoss, und ohne das Beispiel der Mutter wäre die Tochter wohl nie Schauspielerin geworden. Nina stand schon als 14-Jährige auf der Bühne des Stuttgarter Theaters im Westen, an dem Heidemarie Rohweder Intendantin war, und später spielte sie an der Landesbühne Esslingen, als Rohweder dort Chefin war. Die Mutter hat die ganz großen Rollen nicht gespielt, die ihre Tochter nun reihenweise bekommt; sie hat den Starruhm nicht erlangt, mit dem ihre Tochter seit Jahren skeptisch und eher unauffällig lebt. Bezeichnenderweise hat die Mutter weniger Sorge, unvorteilhaft fotografiert zu werden, als die Tochter, und man ahnt etwas von der seltsamen Freiheit, die mit verblassender Schönheit einhergeht.

Heidemarie Rohweder wurde in Dithmarschen geboren, nahe der Nordseeküste, da lebt ein trockenes, beinhart ehrliches Volk. Sie wollte von dort weg: »Mein Onkel schlug sich nach dem Krieg als mobiler Kinovorführer durch; er fuhr mit seinem DKW-Dreirad durch Dithmarschen und zeigte in Vereinsheimen und Kneipen Filme. Sonntags war er immer in meinem Heimatort und zeigte in Hases Gasthof Filme. Da durfte ich mit hinein. Und wenn es einen nicht jugendfreien Film gab, saß ich beim Onkel im Vorführraum. Anschließend ging ich nach Hause – und mein Gang hing davon ab, welchen Film ich zuletzt gesehen hatte. Ich versuchte immer, in den Gemütszustand der Helden zu schlüpfen. Ich glaube, damals wurde meine Sehnsucht geweckt, Schauspielerin zu werden.«

Sie ging zur Schauspielschule nach Hamburg – und wurde genommen. Sie sprach dem Intendanten Peter Palitzsch vor – und wurde genommen. Sie war eine schöne junge Frau und kam 1968 ans Stuttgarter Staatstheater, spielte bei Zadek, Neuenfels, Niels-Peter Rudolph, Kirchner, Peymann, Palitzsch.

»Ich war«, sagt sie, »immer das kleine süße Mädchen mit Minikleid und langen blonden Haaren, das Sexybienchen – aber ich wollte eine Charakterdarstellerin sein.«

Sie habe immer um gute Rollen kämpfen müssen, sagt Heidemarie Rohweder, und sie habe Jahre verloren, weil es ihr an Selbstbewusstsein mangelte. »Es war eine harte Zeit: vor allem, was die Macht der Männer und die Besetzungspolitik angeht. Deshalb habe ich Nina immer vermittelt: Hab keine Angst! Lass dich nicht kleinmachen! Folge deinem Instinkt. Lass dich nie erniedrigen.«

Es war, sagt Heidemarie Rohweder, in der 68er-Zeit nicht einfach für eine junge, unerfahrene Frau am Theater. Thema: sexuelle Befreiung – wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. Einige Regisseure hätten die Abhängigkeit junger Frauen missbraucht: »Entsetzlich, wenn man sich dem aus Angst fügte. Das jedenfalls hat bei mir niemand hingekriegt.«