Klarer Fall, behauptet der Vorsitzende der Linkspartei, Oskar Lafontaine. Natürlich werde er sich demnächst wieder auf Willy Brandt als Kronzeugen berufen, wenn das Parlament über eine Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan entscheidet. Abziehen!, würde Brandt raten, weil deutsche Soldaten Unschuldige ermordeten und weil diese "Militarisierung" des Denkens seiner ganzen Philosophie widerspreche. Lafontaine ist sich sicher.

Willy Brandt schmückt ungemein, immer noch und immer wieder. Seit seinem Tod vor fünfzehn Jahren haben sich viele auf ihn berufen. Aber Lafontaine, selbst für kurze Zeit Brandt-Nachfolger an der Spitze der SPD, beschwört nicht nur den großen Toten mit dem weltweiten Ruf, der Kanzler war zwischen 1969 und 1974 und dreiundzwanzig Jahre lang auch Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei (bis 1987) – Lafontaine ruft Brandt insbesondere als Papst in Sachen Frieden an. Hat er recht? Taugt Willy Brandt als Kronzeuge gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan?

Bevor Lafontaine nicht über das tiefe Zerwürfnis zwischen ihm und Brandt spreche, über die Sache mit der deutschen Einheit 1989, könne man sich ohnehin nicht auf Versuche einlassen, den Freund und Friedensnobelpreisträger im großen Herbst-Streit zu vereinnahmen, findet Brandts Uraltvertrauter Egon Bahr. In der Riege der Nachwuchstalente hatte Brandt ausgerechnet Lafontaine als "Oberenkel" betrachtet, Längen vor Schröder. Ihm traute er zu, die Friedens- und Protestbewegung an die SPD zu binden.

Für Lafontaine zählt, dass Brandts Name bis heute wie kein anderer für die Linke als Gesamtkunstwerk steht, und für die "wahre" SPD. Diesen Brandt braucht Lafontaine, lebend oder tot. Aber den einen Brandt, den Lafontaine vorgibt zu kennen, gibt es nicht. Brandt war ein Meister der Unklarheit. Er war rechts, und er war links, er war vieles. Bloß eines war er nicht: Er war kein Populist. Zeitgeist ja, Fundamentalismus nein!

Der Brandt, den ich als Journalist begleitet habe, so viel lässt sich belegen, kann keineswegs in Anspruch genommen werden von denjenigen, die sich einer neuen Rolle Deutschlands strikt verweigern. Brandt hat das "Militärische" immer mitgedacht, wenn auch als abgeleitete Größe. Auch seine Ostpolitik zwischen den Weltmächten war, entgegen der Fama, Realpolitik. Den Harmel-Beschluss der Nato aus dem Jahr 1967, zu rüsten und über Abrüstung zu verhandeln, trug er stets mit. Fest überzeugt war Brandt Ende 1989, früher als andere, dass "zwei Mächte der Welt – daran führt nichts vorbei – eine größere weltpolitische Verantwortung zu tragen haben, Deutschland und Japan, wegen der wirtschaftlichen Macht".