Es ist Samstagmittag, die Sonne scheint, Kananda Soares sitzt auf der Terrasse ihres Hauses und beendet das späte Frühstück mit einem Glas Guavensaft. Sie hat die schwarze Lockenmähne hochgesteckt, zupft ihr Sommerkleid zurecht und sagt: "Ich bin an furchtbaren Orten gewesen. Du machst dir keine Vorstellung. Wirklich üble Spelunken. Und drum herum der ganze Drogenhandel. Das Viertel war ein gefährliches Pflaster." Und mit nostalgischem Nachdruck fügt sie hinzu: "Ich habe es verehrt." Kananda Soares lebt in Santa Teresa, einem zentralen, hoch auf den Hügeln gelegenen Stadtteil von Rio de Janeiro. Doch sie spricht von einem anderen Viertel, von Lapa, das unter Santa Teresa liegt, noch näher am alten Herzen der Stadt.

Als Soares 16 Jahre alt war, ging sie ganz klassisch vor: Zur Schlafenszeit stopfte sie irgendetwas Langes, Wurstiges unter ihre Bettdecke und sprang dann aus dem Fenster des Elternhauses in Rio-Nord, um sich die Nächte in Lapa um die Ohren zu schlagen; das war damals eine der verrufensten Ecken der Stadt. Jetzt ist sie 29 und geht nur noch gelegentlich aus. Sie hat ein Kind, in Kürze zwei und begeistert sich für ihre neue Heimat Santa Teresa. "Dies ist das Viertel der alten Boheme", sagt sie. "Es leben noch immer viele Künstler hier. Zugleich sind wir von Favelas umgeben. Das gibt eine besondere Mischung."

Soares macht Mode: Favela Hype verbindet Schäbiges mit Schickem

Soares profitiert davon, auch für ihre Arbeit. Vor acht Jahren machte sie einen Laden mit Secondhandklamotten auf, dann kamen immer mehr selbst entworfene Stücke dazu. Mittlerweile lebt sie von ihrer eigenen Marke Favela Hype, die schon im Namen das Schäbige mit dem Schicken verbindet. Hinter dem rosa gestrichenen Garagentor ihres grau verputzten Art-déco-Hauses liegt ein Showroom. Der wird allerdings nur noch gelegentlich aufgesperrt. Mittlerweile verkauft Soares die meisten ihrer bunten, aus verschiedenen Stilen gesampelten Kleidungsstücke in einem Einkaufszentrum zwischen Copacabana und Ipanema – unten am Meer, weit weg vom Flair auf dem Hügel.

Noch immer gelten die Viertel mit Strandpromenade als Rios eigentliche Attraktion. Santa Teresa und Lapa sind älter. Ihre große Zeit hatten sie in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Später gerieten sie aus dem Blick, verfielen zum Teil. Santa Teresa hatte unter Erdrutschen zu leiden, Lapa unter Verbrechern. Doch seit Kurzem erleben beide Viertel ein neues Hoch – und ergänzen sich aufs Beste. Santa Teresa blüht am Tage auf, abends leeren sich die Straßen. Dann wird Lapa erst richtig wach, als hätte es in den Stunden zuvor den Rausch der letzten Nacht ausgeschlafen.

Am Wochenende, gegen Mitternacht, sind Lapas Ausgehstraßen so voll von Menschen, als sei eben erst eine Generalevakuierung der anliegenden Clubs und Kneipen befohlen worden. Natürlich kann davon keine Rede sein. Die meisten sind zum Spaß unter freiem Himmel unterwegs und werden auf absehbare Zeit nirgendwo einkehren. Warum auch? Schwer vorstellbar, dass eins der Lokale hinter den kolonialen Fassaden mehr zu bieten hat als die offene Straße. Eine größere Getränkeauswahl vielleicht oder eine Band direkt vor Augen. Aber selbst in dieser Hinsicht lässt sich das Pflaster nicht lumpen. Zwischen den promenierenden, chillenden, groovenden, schwatzenden Leuten bahnen sich fliegende Caipirinha-Händler ihren Weg, deren Geschäft auf ein Tablett passt. Mit noch weniger Utensilien – zwei Schnapsgläsern, einer Flasche – kommen die Tequilaverkäufer aus. Etwas mehr Platz brauchen die Wägelchen mit aufmontierter Kühlbox, etwa die pasarela de álcool, an der man beim Vorüberziehen auch Caipifruta oder einen garantiert hochprozentigen Volcano bestellen kann. Wer etwas essen will, bekommt nicht nur Fleischspieße vom Dreiradgrill herübergereicht, er findet komplette Salatbars.