Die Linke in Friedrichsthal wohnt in einem schmucken Eigenheim, serviert selbst gebackenen Pflaumenkuchen und war früher in der SPD. Sie träumt vom Ruhestand in Südfrankreich und hat 1983 mit Oskar Lafontaine gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert. Auch mit dem Präsidenten des Landesrechnungshofes, einem Christdemokraten aus dem Ort, ist sie befreundet. "Das ist hier im Saarland nicht so dogmatisch." Die Linke in Friedrichsthal sagt, sie lehne eine Regierungsbeteiligung nicht ab. Im Gegenteil, sie will jetzt selbst regieren. Jürgen Trenz kandidiert in Friedrichsthal als Bürgermeister.

Jürgen Trenz ist 55, ein freundlicher Mann mit Schnauzbart, der sich in seiner Heimatgemeinde schon für vieles engagiert hat. Trenz war Präsident des Fußballvereins, Stadtrat und Mitglied im Kreistag. Seit zehn Jahren leitet er ehrenamtlich das Marketing der Stadt. Vor ein paar Monaten hat er einen Ortsverein der Linkspartei gegründet. Anfangs waren sie nur 8, mittlerweile zählt die Linke in Friedrichsthal schon 70 Mitglieder. Auf der Straße grüßt Jürgen Trenz nach links und rechts. "Bei einem guten Essen und einem guten Glas Wein", erzählt er, habe Lafontaine mit ihm seine Kandidatur verabredet.

Friedrichsthal, 15 Kilometer nördlich von Saarbrücken gelegen, zählt 11000 Einwohner. Ein längst geschlossenes Bergwerk hat die Stadt geprägt. Noch heute karren Lastwagen den frischen Abraum eines nahe gelegenen Stollens an und schütten Halden auf. Der Stadtteil Bildstock beherbergt den Rechtsschutzsaal von 1892, das älteste Gewerkschaftsgebäude Deutschlands. Vorhersagen sind schwierig, aber ein Erfolg bei der Bürgermeisterwahl in zehn Tagen wäre für die Linke im Saarland ein Triumph: der Beweis, dass die neue Partei auch in den Kommunen Gestalt annimmt – und ein weiterer Sieg im Stellungskampf gegen die SPD.

In keinem anderen westdeutschen Bundesland sind die Voraussetzungen für die Linke so günstig wie an der Saar, wo Oskar Lafontaine als Oberbürgermeister und Ministerpräsident mehr als zwanzig Jahre lang die Politik geprägt hat. Bei der Bundestagswahl vor zwei Jahren schaffte er als Spitzenkandidat der WASG aus dem Stand 18 Prozent. Und kaum irgendwo sonst kann man so gut beobachten, was es heißt, in der Politik das Momentum auf seiner Seite zu haben. Im Internet aktualisiert der Landesverband fortlaufend seine Mitgliederzahl. Am vergangenen Dienstag waren es 1715; im Mai, als PDS und WASG noch getrennt firmierten, zählten sie zusammen erst 1400 Mitglieder. "Die Linke gewinnt im Gewerkschaftslager an Terrain, alles andere wäre gelogen", sagt Eugen Roth, der im Saarland DGB-Chef ist und stellvertretender SPD-Vorsitzender. Ungefragt fügt er hinzu: Er selbst habe keine Neigung, die Partei zu wechseln.

Versicherungen wie diese sind notwendig geworden, seit der Linken im Saarland vor vier Wochen ihr bislang größter Coup gelang. Feixend präsentierte Lafontaine zwei wichtige Neuzugänge: Barbara Spaniol vertrat drei Jahre lang die Grünen im Landtag, nun gibt sie der Linken im Parlament eine Stimme. Und Rolf Linsler, einer der bekanntesten Gewerkschafter an der Saar, war bis März Landesvorsitzender von ver.di. An diesem Samstag soll er nach dem Willen Lafontaines zum Chef der Linken gewählt werden. Obwohl ein zweiter Kandidat antritt, gilt Linslers Wahl als sicher. Denn auch das kann man hier beobachten: Nirgendwo sonst ist die Linke so sehr Geschöpf und Werkzeug Lafontaines.

Dabei ist es nicht ohne Pikanterie, dass ausgerechnet Linsler dem Werben Lafontaines gefolgt ist. Viele Saarländer erinnern sich daran, dass Linsler an der Spitze der Proteste stand, als die Gewerkschaften Mitte der neunziger Jahre gegen die Landesregierung mobil machten. Der Ministerpräsident hieß damals Lafontaine und hatte dem hoch verschuldeten Land einen harten – er selbst würde heute schimpfen: einen neoliberalen – Sparkurs verordnet. Vor allem die Beamten sollten länger arbeiten und weniger verdienen. "Für Oskar gab es immer zwei Gewerkschaftszweige", sagt DGB-Chef Roth, "die ›guten‹ Industriegewerkschaften und die ›schlechten‹ des öffentlichen Dienstes." Dass sein Freund Linsler nun gemeinsame Sache mit Lafontaine macht, das sei "schon merkwürdig", sagt Roth. "Aber es ändert nichts daran, dass ich mit ihm befreundet bleibe."