10. Juni
Christian, ein alter Freund, hat gestern gekocht. In seinem neuen Zuhause, einem riesigen alten Bahnhof. Nach dem Essen kletterten wir durch eine Luke aufs Dach und ließen Sektkorken auf die Schienen fliegen. Die Nacht war wolkenlos, tausend Sterne funkelten am Himmel. Wir redeten über Gott und die Welt – und über das neue Leben, das ich vor einigen Monaten begonnen hatte.

Dies ist der erste Sommer, den ich allein mit meinem Sohn Tom verbringe. Wir sind nun nicht mehr Kleinfamilie, sondern leben seit Februar in einer entspannten Mutter-Sohn-Wohngemeinschaft. Dafür mussten wir der schönsten Stadt unserer Welt, Hamburg, den Rücken kehren – zurück in den Schoß der Familie. Das hieß Alster gegen Saar, und was die Mentalität unserer Nachbarn betrifft: "Leben und leben lassen" gegen "Ich weiß, was du in den letzten 24 Stunden getan hast".

19. Juni
Solange ich keinen besseren Job habe, arbeite ich bei einem großen Autovermieter, was mich dazu verpflichtet, meinen Sinn für Kleidung in die Tonne zu treten und mich jeden Morgen zu uniformieren. Krönung des an einen Pagen erinnernden Outfits ist eine überdimensionale orangefarbene Fliege, die mich aussehen lässt, als sei ich ein Sportflugzeug, das jeden Moment seinen Propeller anwerfen wird, um abzuheben.

24. Juni
Männermäßig sieht es nicht sehr berauschend aus. Vor ein paar Tagen traf ich mich zum ersten Mal in meinem Leben mit einem jüngeren Mann. Er wurde ganze vier Jahre nach mir geboren, ist DJ und lebt für alles, was elektronisch, adrenalinfördernd und tanzbar ist. Ich liebe durchtanzte Nächte (aber nicht als Lebensinhalt), ich mag Minimal Techno (aber nicht zum Abendessen). Für den Freundeskreis meines eventuell zukünftigen Freundes bin ich aufgeschlossen. Aber ich finde es nicht wirklich prickelnd, wenn sich dieser zur Hälfte aus 19jährigen Mädchen zusammensetzt, die noch zur Schule gehen und in der Pause auf dem gleichen Schulhof stehen wie mein eigener Sohn.

1. Juli
Ich hatte mich von meiner Oma und ihrem Lebensgefährten verabschiedet, kurz bevor die beiden für mehrere Wochen nach Spanien fuhren. Nicht nur meine Oma war glücklich, einen so lieben Menschen an ihrer Seite zu haben, nachdem ihr Mann gestorben war. Auch ich habe ihren neuen Partner immer mehr als Opa empfunden. Er war für mich da, als ich zurück ins Saarland kam. Baute gemeinsam mit meinem Papa zwei Tage lang meine Küche auf und stellte keine anstrengenden Fragen über das Ende meiner Ehe.

Vor ein paar Tagen rief mich mein Papa an. Meine Oma komme aus Spanien zurück, sagte er. Alleine. Mein Stiefopa war im Meer ertrunken. Als er wieder ans Land gebracht wurde, war seine Seele wohl schon längst im Himmel. So sagte ich es auch Tom. Er antwortete, dass er ihn vermissen wird, aber dass er dort oben ganz sicher gut aufgehoben ist. Und so gab mir mein Sohn durch sein Gottvertrauen die Fassung zurück, die ich durch die Nachricht im Begriff war zu verlieren.