5. Juni
Heute hatte ich einen Arzttermin. Als ich aus dem Bus ausstieg, sah ich plötzlich meine Cousine! Sie wohnt hier, meine Familie ist riesig groß und in ganz Deutschland verstreut. Ich hab so eine Angst bekommen, sie darf auf keinen Fall wissen, dass ich hier bin. Ich bin einfach weitergegangen. Aber sie ließ den Blick nicht von mir, das konnte ich aus den Augenwinkeln sehen. In der Arztpraxis fing ich dann an zu weinen. Ich habe so gezittert, dass ich kaum mehr Luft bekam.

17. Juni
Heute habe ich endlich meinen Mietvertrag unterzeichnet. Meine erste eigene Wohnung! Ich war so unglaublich glücklich. Alle Vermieter wollten entweder eine Bürgschaft, oder sie wollten mir die Wohnung nicht geben, weil ich Geld vom Amt bekomme. Jede einzelne Absage hat mir wehgetan. Wo soll ich eine Bürgschaft herbekommen, wenn ich vor meiner Familie flüchten musste? Meine Wohnung ist zwar ziemlich klein, 35 Quadratmeter, aber für mich ist sie etwas Besonderes, weil in unserer Gesellschaft Mädchen immer in ihrer Familie leben müssen, bis sie heiraten. Und dann in der Familie der Schwiegereltern.

22. Juni
Ich mache mir jetzt doch ein bisschen Sorgen, weil ich gar nicht weiß, von welchem Geld ich die Wohnung einrichten soll. Aber ich hielt es nach zehn Monaten im Frauenhaus nicht mehr aus und wohne seit ein paar Wochen in der Familie einer Freundin. Ich kann ja keine Sozialhilfe beantragen, weil meine Aufenthaltserlaubnis noch nicht durch ist. Als ich von zu Hause abhauen musste, habe ich auch das Bundesland verlassen. Ich wollte so weit wie möglich weg von meiner Familie. Jetzt habe ich Probleme mit der Aufenthaltserlaubnis, weil für mich ja eine Wohnortbindung gilt. Im Moment gilt mein Aufenthalt nur bis Mitte August, was danach ist, weiß ich nicht.

30. Juni
Ich habe vor ein paar Tagen erfahren, dass es eine Organisation gibt, die junge Frauen wie mich unterstützt bei ihrem Neuanfang. Ich musste den Frauen vom Verein meine Lage genau schildern. Jedes Mal, wenn ich meine Geschichte erzähle, wirft es mich aus der Bahn.

1. Juli
Als ich zur Schule fuhr, stand auf der Straße ein südländisch aussehender Mann. Sofort dachte ich, das ist einer aus meiner Familie! Jetzt haben sie mich gefunden! Zum Glück war er es nicht.