"Die mich kennen, wissen, dass ich ein Mann von schwachem Verstand und geringer Gelehrsamkeit bin." Demütig und bescheiden stellte er sich den Lesern eines Werkes vor, das seinen Ruhm als Neuerer begründete und bis in unser Jahrhundert trug. Sein Zeitalter meinte es allerdings nicht gut mit ihm: Glaubenskämpfe und Kriege, die große Unordnung der Menschen und der Welt, die er in seinen Schriften beklagte, zwangen ihn, immer wieder neue Zufluchtsorte zu suchen. "Mein Leben war ein Wandern, eine Heimat hatte ich nicht. Es war ein Umhergeworfenwerden, niemals und nirgends fand ich einen festen Wohnsitz", schrieb er betrübt in seinem letzten Lebensjahr, fern von seinem geliebten Vaterland.

Nicht einmal eine sorglose Kindheit war ihm vergönnt. Mit zehn Jahren verlor er seinen Vater, im Jahr darauf seine Mutter und zwei Schwestern. Vor Lesen und Schreiben lernte er körperlich hart zu arbeiten, erst spät besuchte er eine Schule. Dort begegnete er engstirnigem Unterricht und mechanischem Pauken, sie wurden für ihn zum Gegenbild lebendigen Lernens. Die Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend blieben für sein ganzes Leben bestimmend. In wacher Erinnerung an seine einfache Herkunft trat er für Arme und Ungebildete ein. An bäuerlich-handwerkliche Arbeit gewöhnt, suchte er nach realitätsnahen praktischen Lösungen für schwierige Probleme, und aus der frühen Konfrontation mit Leid und Tod schöpfte er die Hoffnung, es liege in Gottes Plan, dass sich der Zustand der Welt verbessern lasse. Als "Mann der Sehnsucht" glaubte er auch, dass es für die religiöse Gemeinschaft, der er als Priester und Bischof diente, einen Ort frei von Verfolgung geben werde.

In seinen mittleren Jahren, als seine großen reformerischen Werke in einem für einige Jahre sicheren Exil entstanden, arbeitete er wie ein Berserker, oft erschöpft und schlaflos, an einem einheitlichen Gedankensystem, mit dem sich oberflächliches, zerstückeltes und ohne feste Grundlage erworbenes Wissen überwinden ließe. Dann endlich könnten sich Theologie, Gesellschaftslehre und Naturwissenschaften zu einer vernünftigen Welterklärung verbinden.

Mit einem sinnreichen Zettelkastensystem, das er schon in seiner Studentenzeit genutzt hatte, erleichterte er sich die Arbeit an seinen über 250 Schriften, und mit seinem erträumten "Maschinchen", dem Perpetuum mobile, wollte er die Menschheit von lästigen Tätigkeiten befreien.

Kriege und Großmachtpolitik machten seine Hoffnungen auf politische und religiöse Freiheit in seiner Heimat zunichte, ausgesöhnt mit den herrschenden Verhältnissen hat er sich nie. Noch in seinen letzten Lebensjahren polemisierte er gegen die Ausbeutung von Kolonien und trat für einen gerechten, den Lebensbedürfnissen aller Menschen dienenden Welthandel ein.

Zwar erholte er sich von einem Schlaganfall, der seine rechte Hand gelähmt hatte, er nahm sogar seine verwitwete Tochter und ihre fünf Kinder in sein Haus auf, seine Kräfte waren jedoch aufgezehrt. Still verabschiedete er sich von der Welt, und ein Philosoph rief ihm nach: "Dein Wort siegt über den Tod noch."

Wer war's?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 36:

Jacques Brel (1929 bis 1978) wuchs in Brüssel als Sohn eines Kartonagenfabrikanten auf. 1953 verließ er Frau und Kinder und ging nach Paris, wo er als Chansonnier durch Kneipen tingelte. Seit Ende der fünfziger Jahre feierte er große Erfolge. Titel wie "Ne me quitte pas", "Marieke", "Amsterdam" und "Le Moribund" machten ihn weltberühmt und wurden von vielen Interpreten übersetzt und adaptiert. 1967 gab er sein letztes Konzert, drehte noch einige Filme und wanderte dann in die Südsee aus. Sein Grab liegt auf der Insel Hiva Oa neben dem von Paul Gauguin