Mehrere zehn Millionen Bewohner der Küstenregion von Myanmar und Bangladesch sind möglicherweise von einem Tsunami bedroht. Eine Studie in der aktuellen Ausgabe des Magazins Nature (Bd. 449, S. 75–78) kommt zu dem Schluss, dass ein gewaltiges Beben den Golf von Bengalen erschüttern und dabei eine Riesenwelle auslösen könnte.

Nach dem Seebeben im Indischen Ozean, das am 26. Dezember 2004 verheerende Flutwellen verursachte und Hunderttausende Todesopfer forderte, gilt es allgemein als wahrscheinlich, dass es zu einem weiteren Seebeben kommen könnte – diesmal ausgehend von Zentralsumatra, also etwas weiter östlich von der Stelle, an der 2004 der Meeresboden bebte.

Was die Experten bislang jedoch kaum im Blick hatten, ist die Subduktionszone im nördlichen Teil des Golfs von Bengalen. Dort schiebt sich entlang der Küste von Myanmar die indische Platte unter den asiatischen Kontinent und taucht steil ins Erdinnere ab. In seiner Veröffentlichung warnt der australische Seismologe Phil R. Cummins vor möglichen gewaltigen Erdbeben in dieser Region. Anhand geologischer Daten und mit Hilfe von GPS-Bildern will der Wissenschaftler dort die Grenze der Erdplatten entdeckt haben – versteckt unter einer dicken Sedimentschicht. Ein Beben in dieser Zone, befürchtet Cummins, würde mit großer Wahrscheinlichkeit einen Tsunami auslösen.

Historische Augenzeugenberichte über ein Erdbeben in Arakan (Myanmar) im Jahr 1762 bestätigen diese Vermutung. Den Beschreibungen zufolge hatte sich das Meer damals zu Wellen von drei bis sieben Metern Höhe vor der Küste aufgetürmt. Auf Basis dieser Berichte und der geologischen Daten simulierte Cummins einen Tsunami, wie er infolge des Bebens 1762 stattgefunden haben könnte. Würde ein solches Ereignis tatsächlich eintreten, dann hätte das vor allem für das dicht besiedelte Ganges-Bhramaputra-Delta an der nördlichen Spitze des Golf von Bengalen dramatische Auswirkungen. Dort leben mehr als 60 Millionen Menschen in Küstennähe – und nur bis zu zehn Meter über dem Meeresspiegel.

Der Wissenschaftler räumt ein, dass das nächste Seebeben nicht so stark sein müsse, wie er bei der Simulation für das Jahr 1762 angenommen habe. Außerdem könnten noch über 200 Jahre vergehen, bis der Untergrund in dieser Stärke bebt. Dennoch plädierte er dafür, die Gefahr eines Tsunami ernst zu nehmen; ein kleineres Beben könnte die Region schon sehr viel früher erschüttern.