Schwungvoll setzt er zur Schlusskadenz an: "La donna è mobile, Ach wie so trügerisch." Es ist ein Frühlingsabend 1961 in Piacenza, man gibt Verdis Rigoletto , Luciano Pavarotti ist kurzfristig eingesprungen, ein unbekannter 26-Jähriger aus der Nachbarstadt Modena, der die heikle Arie angstfrei angeht, sich herrlich hinaufstrahlt in tenorale Höhen, den Spitzenton mit draufgängerischer Sicherheit setzt. Die Hände im vollbesetzten Teatro Communale wollen sich schon zum Applaus heben, in den Kehlen formen sich die ersten "Bravo"-Rufe – da dröhnt aus dem obersten Rang, von den billigen Plätzen, ein fürchterlicher Rülpser. Der Saal erstarrt, die Musiker im Orchestergraben, die Techniker hinter der Bühne auch. Nur Luciano Pavarotti bewahrt die Ruhe, gibt dem Maestro ein Zeichen, dass er weitersingen möchte: "Bella figlia dell’amore" .

In Italienischen Opernhäusern wird mit harten Bandagen gekämpft. An die 50 Fans haben sich an jenem Abend zusammengerottet, um die Rigoletto -Premiere aufzumischen, nachdem ihr Lokalmatador, der örtliche Tenor, während der Proben rausgeschmissen worden war. Den ganzen Abend sorgen die Gegner des Einspringers mit Pfiffen und Zwischenrufen für negative Stimmung, die mit Partiturkenntnis passgenau in die Stille nach dem Schlusston platzierte Rülps-Attacke soll der Höhepunkt ihrer Störaktionen werden. Doch Pavarotti weiß genau, wie man mit solchen Saboteuren umgeht: Schließlich entstammt er selber dem Milieu der organisierten Stimmfanatiker. Sein Vater Fernando, ein vokal talentierter Bäcker, den nur sein panisches Lampenfieber davon abgehalten hatte, eine Sängerlaufbahn zu wagen, gehört zum harten Kern einer Männertruppe, die sich "Gioacchino-Rossini-Chor" nennt, bei ihren Treffen aber vor allem die Darbietungen des lokalen Opernhauses gnadenlos durchhächelt. Wie im Fußballstadion, wo auf den Rängen lauter Trainer sitzen, die genau wissen, wie man gewinnt, finden auch vor den Ohren dieser Opernfans selbst die größten Stars selten Gnade.

Bei einem nächtlichen Gelage dieses Rossini-Chors von Modena hat der kleine Luciano seinen ersten öffentlichen Auftritt, gegen vier Uhr morgens, nachdem der Vater das Nessun dorma aus Puccinis Turandot geschmettert und dann in den Applaus hineingerufen hat: "Das kann mein Sohn auch!" Da gilt es etwas zu beweisen, und ein Knabe von zwölf Jahren, der noch nicht ahnt, dass er einmal zum weltweit vertriebenen Markenprodukt werden würde, kommt zu seiner "Erkennungsmelodie". Spätestens seit der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien ist Pavarottis Name untrennbar mit dem Puccini-Hit verknüpft. Kalafs Arie mit dem Schlachtruf "Vincerò" ("Ich werde siegen!"), vom Komponisten in weiser Vorahnung auf die radiokompatible Länge von drei Minuten gebracht, wird allen, die sich sonst nicht für Oper interessieren, zum Synonym einer ganzen Gattung, zum Klingelton der Klassik schlechthin.

Dabei hat Luciano Pavarotti in seiner 44 Jahre währenden Sängerkarriere die Rolle nur zwei Mal auf der Bühne verkörpert, 1977 und 1997 – denn eigentlich ist der Kalaf gar nicht für seine Stimme gedacht. Der Prinz, der sich in Puccinis opus ultimum für die eisgegürtete Prinzessin erwärmt, ist ein Heldentenor, der seine Töne herausschleudert, so wie er sonst seinen Säbel führt. Pavarotti dagegen war stimmlich immer ein Florettfechter: Geschmeidigkeit, Eleganz und reaktionsschnelle Wendigkeit machten dieses lyrische Organ zur Jahrhundertstimme. Da war dieses so genuin südländische Timbre, die exzellente Aussprache mit wunderbar beiläufig gerolltem "R", samtweichem "Z" und raffiniert angezischtem "S" sowie seine stets ganz spontan wirkenden, wie aus dem organischen Sprachfluss erwachsenden Phrasierung. Doch Pavarottis größter Trumpf blieb stets die mühelose, strahlende Höhe. Mit seiner Tessitura, die in Glanzzeiten mühelos bis zum Es reichte – zwei Töne über dem hohen C! – wäre er der ideale Belcanto-Interpret gewesen. Doch es zog ihn, ob nun aus persönlicher Neigung oder aus Karriere-Kalkül, von Anfang an nicht zum Randrepertoire für Kenner und Liebhaber, sondern zu Verdi und Puccini, zu den Paraderollen des mittleren 19. Jahrhunderts und des Verismo, zu den Blockbustern des weltweit gleichgeschalteten Musiktheater-Betriebs, mit denen man die Massen begeistert.

Wer die Schallplatte auflegt, die Pavarotti 1964 als Debüt bei seiner lebenslangen Exklusiv-Firma Decca herausgebracht hat, hört einen edlen Tosca -Cavaradossi, einen jugendfrischen Bohème -Rodolfo – und einen Rigoletto -Herzog, der in einer atemberaubenden Mischung aus erotisierender, goldglänzender Stimmfülle und bombensicherer Höhe alles übertrifft, was man sich in kühnsten Opernträumen für diese Rolle nur wünschen kann.

Dennoch hat Pavarotti den latin lover aus dem Rigoletto nur wenige Jahre lang gesungen. Ebenso wie den Alfredo aus der Traviata , den er 1970 aus seiner Rollenliste strich – weil ihm die weibliche Titelrolle in dieser Oper einfach zu dominant war. Aus demselben Grund verabschiedete er sich auch schnell wieder vom Pinkerton in Puccinis Madama Butterfl y.