1. Juni
Mein erster Gedanke nach dem ersten Schluck Kaffee war: Noch nie Tagebuch geführt, jetzt muss ich über meine Tage sprechen. Wie soll das gehen? Soll ich mir Notizen machen, sie dann in das Gerät hineinsprechen? Das wäre gemogelt, lieber nicht. So ein Satz, der zur Zeile wird auf dem Papier, ist wahr. Ein Satz im Diktafon ist erst mal Luft.

Ab Mannheim wird das Wetter hässlich. Schräge Regentropfenschlieren an der Fensterscheibe. Der Mann, der mir gegenübersitzt, spricht zu seinem Angestelltenkollegen, er lobt seine Schuhe, die er bei eBay für 40 Euro ersteigert hat. "Robust", sagt er, "die kriegst du nicht tot." Ich nehme mir vor, das Wort "robust" in meinem Roman zu benutzen.

3. Juni
Ab sechs Uhr früh auf den Beinen. Am frühen Nachmittag endlich in der Villa Massimo in Rom. Ich darf eine sagenhafte Suite bewohnen, die sich im rechten Flügel des ursprünglichen Villengeländes befindet. Draußen im Garten recken sich Platanen, Zypressen und Tannen in den Himmel. Ein Kauz ruft mir später in der Nacht einen schönen Traum herbei. Meine Sohlen brennen, und ich wache davon kurz auf. Eine Alarmanlage geht plötzlich los, und ich erinnere mich, dass die Italiener Probleme haben, ihre Autos aufzuschließen.

6. Juni
Im Garten der Villa Massimo ein streunender Kater, der sich auf die blitzschnellen Geckos stürzt und mit ihnen balgt im Gebüsch. Das war noch am späten Vormittag, als ich zu blinzeln anfing, und bald schwoll mir das rechte Unterlid. Ich steuerte die nächste Apotheke an, und seitdem träufele ich mir Kraftwasser ins Auge. Dreimal zwei Tropfen am Tag.

10. Juni
In Italien lehrt die Bürokratie Demut. Überall im Alltag hakt es, fast nichts klappt auf Anhieb. Die Verspätung und der römisch-katholische Wahn des Managements einer Legende. Schönheit, Design und die Ruinen eines untergegangenen Imperiums, Pasta, Papst und Papperlapapp, das sind meine Schnappschüsse in Rom. Seltsam nur, dass ich es schade finde wegzufahren.

11. Juni
Heute Einsturz. Weitermachen. Weiterpeitschen. Mein erster Tag in Kiel, und ich geh gleich ran ans Blatt Papier. Kontostand egal, der lecke Boiler wirklich egal. Und ich schreibe eine Zeile, zwei Zeilen, weiter, bloß weiter. Eine Seite voll. Eine Liebesgeschichte will ich erzählen, und drei Viertel sind fertig. Geradeaus weiter. Um zwölfachtunddreißig fährt mein Zug. Ich bin etwas verstimmt wegen des schweren Gepäcks, ich werde für zwölf Tage unterwegs sein. Erste Station Germersheim. Jetzt rollt der Zug aus dem Kieler Bahnhof. Könnte ich nur die dunklen Augenringe einfach wegreiben.

15. Juni
Auf dem Vorplatz des Frankfurter Bahnhofs eine Zigarette bis zum Filter runtergeraucht. In einiger Entfernung rekeln sich die Abhängigen, der Tag ist noch jung, ihre Hunde beißen in leere Wasserflaschen. Ich spreche in mein Diktafon, man hält mich für einen Zivilpolizisten.

Ein Jungtürke nennt mich im Vorbeigehen einen Arsch, dessen Mutter er heute Morgen begattet habe. Fein. Nützt mir nichts, betreibe ja keine Feldstudie. In Ranis, Thüringen, probiere ich die erste Pferdebockwurst meines Lebens. Schmeckt großartig.

17. Juni
Ein Dogma, von dem ich mir nicht vorstellen kann abzufallen: Alle Kellnerinnen sind anbetungswürdig. Heute Abend werden die Wiesbadener Literaturtage mit einer Vernissage eröffnet, ich bin der Gastgeber. Es gefällt mir, für eine Woche im selben Hotelzimmer zu wohnen. Ich habe meine Elektroschreibmaschine ausgepackt und schon eine Seite getippt.

20. Juni
Senta Berger ist: unvergleichlich. Sie kam, las und erzählte, und die Frauen im Saal lachten und klatschten sich die Hände wund. Anschließend musste sie eine geschlagene Stunde Autogramme geben und Bücher signieren. Sie hat nicht gemurrt. Senta Berger hat ein tolles Buch geschrieben und ist eine großartige Vortragskünstlerin. Das muss ich sagen dürfen.

Stunden später, Arno Stadler, ein großartiger Mann, er bringt seine vielleicht beste Freundin mit, die er das Wildrösle nennt. Eine großartige Frau. Wir sitzen nach seiner Lesung in einem Restaurant. Am Taxistand wird darüber parliert, wohin man zur Stunde noch gehen kann. Ich muss ins Hotel und ins Bett.

Ich stehe am Fenster und schaue in die Nacht hinaus, weil ich denke, das gehört sich so für einen Dichter, der weiß, dass ihm dann noch ein paar Worte einfallen, bevor er das Licht löscht.