30. Juni:
Schweden zum Ersten. Meine Frau Margret und ich nehmen am Tällberg-Forum teil, einem Global Village Event von Nachhaltigkeitspionieren und Gutmenschen am Ufer des wunderschönen Siljan-Sees. Am Abend der großen Eröffnungsveranstaltung – wo ich mit prominenten Kollegen wie Jim Hansen eine Podiumsdiskussion bestreite – sind wir zum Essen in eine Gästabud eingeladen, wie die schlichte weiße Karte in der Konferenzmappe anzeigt. Eigentlich haben wir keine Lust auf dieses vermeintliche Dorffest, aber eine aufgeregte Dame vom Protokoll überredet uns, doch zu erscheinen.

Große Überraschung: An zwei Tischen im Freien, einige hundert Meter hoch über der riesigen, silbrigen Fläche des Sees, tafelt ein exklusiver Kreis von Blaublütigen, Politikern, Großindustriellen und Künstlern. Unter ihnen die Opernsängerin Barbara Hendricks, die meines Erachtens die schönste Stimme auf Erden besitzt.

Ich bin offenbar für die Rolle des Ehrengastes vorgesehen, denn meine Tischdame ist Kronprinzessin Victoria von Schweden: Mir gegenüber sitzt eine reizende, ungekünstelte junge Frau im blau-gelben Trachtenkleid, die alles über den Klimawandel wissen möchte. Der Mittsommersonne will nicht sinken, doch die Zeit vergeht wie im Fluge.

5. Juli:
Schauplatzsuche. Zusammen mit meiner Assistentin Susanne Kadner erkunde ich die preußische Schlösserlandschaft in und um Potsdam. Gesucht wird eine besondere Bühne für ein besonderes Ereignis: Bei einem Vorbereitungsgespräch mit der Kanzlerin zur deutschen G8-Präsidentschaft hatte ich angeregt, ein interdisziplinäres Nobelpreisträgerkolloquium zu den Themen Klima, Energie, Entwicklung zu veranstalten. Frau Merkel fand die Idee „hochinteressant“, sagte Unterstützung sowie Teilnahme zu und wünschte mir dann viel Glück bei der Realisierung einer völlig aussichtslosen Mission.

Denn Nobelpreisträger sind heute Superstars einer globalen Eventkultur, welche tausendmal so viele Ereignisse plant, wie die verfügbare personelle Substanz hergibt. Und die Vorstellung, nobelierte Physiker, Chemiker, Mediziner, Ökonomen und Friedensstifter zum gleichen Leitmotiv orchestrieren zu können, grenzt an Wahnwitz.

Dennoch scheint das Vorhaben zu gelingen - unermüdliche Initiativen eines besessenen Teams, Haufen von Glück und großherzige Unterstützungsaktionen von einflußreichen Freunden haben bewirkt, daß sich nun vom 8. bis 10. Oktober 2007 in Potsdam Dutzende der klügsten Köpfe der Welt treffen werden, um über einen zukunftsfähigen Kontrakt zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu diskutieren. Deshalb die Schlössertour auf der Suche nach der passenden Einfassung für ein einzigartiges intellektuelles Juwel.

Allerdings erweisen sich die Kustoden des einschlägigen preußischen Kulturbesitzes als völlig resistent gegen mein Gerede von Nobelpreisträgern, Spitzenpolitikern und Klimarettungsmaßnahmen: Nachhaltigkeit ist vor allem für die Fußböden der anvertrauten Paläste angesagt, und „in Sanssouci kommt selbst der Papst nicht zur Verkündung des Weltuntergangs rein!“ Dennoch werden wir am Ende eines langen Tages fündig. Das berückende Rokoko-Theater im Neuen Palais sowie das barocke Schloß Caputh versprechen wunderschöne Bühnen für ein großes Wissenschaftsdrama abzugeben.

18. Juli:
Dissidenten unter sich. Die Anreise mit der Bahn durch Saaletal und Thüringer Wald ist fast zu schön um zu arbeiten. Immer wieder saugen die vorbeigleitenden blaugrüngelben Landschaften den Blick an. Und das fränkische Kloster Banz, wo die alljährliche Sommerklausur der CSU-Landesgruppe stattfindet, verkörpert mehr trutzige Idylle als die meisten Loire-Schlößer. Werden wir Deutsche uns jemals wieder in unsere physische Heimat verlieben können?

Ich bin vom symphatischen Landesgruppenchef Peter Ramsauer gebeten worden, die Partei mit einem Übersichtsvortrag zur Klima- und Energiesicherheit auf die abschließende Debatte eines umweltpolitischen Grundsatzpapiers einzustimmen. Zunächst werde ich jedoch zum deftigen Mittagsschmaus geführt, wobei uns einige CSU-Granden über den Weg laufen. Alle sind verbindlich bis herzlich - schließlich bin ich ein waschechter Altbayer – nur Edmund Stoiber (mit grasgrüner Krawatte) rauscht nach kurzem Zögern grußlos an mir vorbei. Dafür ist das Tischgespräch mit Christian Ruck und Peter Gauweiler ausgesprochen unterhaltsam: Letzterer fragt nach meiner Herkunft – Grafschaft Ortenburg – und entpuppt sich als glänzender Kenner der evangelischen Exulanten, die im Rotttal, im Chiemgau und anderswo in Südbayern blühende Diasporen aufbauten.

Der Vortrag und die folgende Diskussion, an der auch die Bundesminister Glos und Seehofer teilnehmen, verlaufen gut. Wie ich später erfahre, wird mit breitem Konsens ein respektabler Beschluß zur Klima- und Energiepolitik gefaßt. Wir Bayern sind nun einmal prinzipienstur, aber auch radikale Neuerungen schrecken uns nicht, wenn die Lebenspragmatik (sprich: der volkswirtschaftliche Gewinn) sie verlangt.