Im Sommer des Jahres 1900 kommt der Dichter Rainer Maria Rilke nach Worpswede bei Bremen. Eine Künstlerkolonie hat sich hier seit 1889 angesiedelt, wie es jetzt so viele gibt in Europa, da die Maler die staubigen Säle der Akademien verlassen, um die Natur, um Licht und Kunst neu zu erfahren. Rilke trifft dort auf zwei junge Frauen, die Malerin Paula Becker und die Bildhauerin Clara Westhoff. In seinem Worpsweder Tagebuch hält er den Augenblick der Begegnung fest: »Ganz in Weiß kamen die Mädchen vom Berg aus der Heide…«

Die blonde Malerin, ihre dunkle Freundin und der Dichter ahnen in diesem Moment noch nicht, dass sie fortan verbunden sein werden in einem Liebesverhältnis eigener Ordnung. In ihre wechselseitige erotische Anziehung mischt sich aber bald schon das Wissen, dass ihnen etwas anderes bestimmt ist als eine bürgerliche Existenz. Zwar erkennt die Malerin in Rilke, der sie in altmodisch empfindsamen Versen besingt, den Dichter nicht, und in Rilkes Worpswede-Buch kommt Paula Becker als Malerin nicht vor. Und doch muss sich in ihrem Atelier ein spontaner Gleichklang der Weltwahrnehmung eingestellt haben. »Die Uhr schlug eine viel zu große Stunde und ging ganz laut zwischen unseren Gesprächen umher. – Ihr Haar war von florentinischem Golde […]. Ein großer Schatten ging durch die Stube […]. Wir schauten nach den westlichen Fenstern hin. Aber es war niemand nah vorbeigegangen.«

Sie werden beide gespürt haben, wie rasch ihr Worpsweder Sommer verging. Die Lebenswege des Dichters und der beiden Freundinnen kehrten in die traditionelle Ordnung zurück. Rilke heiratet Clara Westhoff; Paula Becker verlobt sich mit Otto Modersohn. »Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben«, schreibt sie in ihr Tagebuch. – Es war jemand vorbeigegangen.

Paula Becker, am 8. Februar 1876 in Dresden als Kind eines viel gereisten Ingenieurs und einer adeligen Mutter geboren und in Bremen aufgewachsen, hat einen langen Weg zurückzulegen, bevor sie »das Muss in ihrer Natur« entdeckt, das sie zwingt, ihre Kräfte »auf das eine« zu konzentrieren, das Malen. Zu zeichnen beginnt sie, weil es für ein Mädchen ihres Standes zur Erziehung gehört. Sie durchschaut das Unprofessionelle ihres ersten Unterrichts nicht und fügt sich, wenn auch mit innerem Widerstreben, dem bildungsbügerlichen Curriculum.

Unterwegs in der alten Kutsche, sieht Rilke sie sehen

Sie besucht das Lehrerinnenseminar in Bremen. Nach dem Examen ermöglicht ihr eine kleine Erbschaft, in Berlin ein Kunststudium aufzunehmen, und zwar, da Frauen an der Akademie nicht zugelassen sind, an der Zeichen- und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen. Hier hat sie 1896 das Glück, Jeanne Bauck zur Lehrerin zu bekommen. 1840 in Stockholm geboren, gehört die Malerin zu einer Generation emanzipierter Frauen, die in den männerdominierten kulturellen Institutionen ihre künstlerische und private Unabhängigkeit durchzusetzen suchen. Das 1887 posthum veröffentlichte Journal intime der russischen Malerin Marie Bashkirtseff, Zeugnis einer exzessiven Lebensintensität – sie stirbt, erst 24 Jahre alt, in Paris an der Schwindsucht –, wird für viele Künstlerinnen dieser Epoche zu einer Art Fanal. Ob Jeanne Bauck ihrer Schülerin etwas von der Aufbruchsstimmung dieser Zeit mitzugeben versucht hat, wissen wir nicht; Paula Becker jedenfalls hat aus ihrer Abwehrhaltung gegen die »Frauenemanzipation« keinen Hehl gemacht. Sie hat nur ein Ziel: das Malen.