Das erste Mal begegnete er mir an der Bushaltestelle. Schlank, schnittig und metallicblau stand er auf der anderen Straßenseite. Während wir Mädels aus der elften Klasse auf den Bus warteten, kam Udo angeschlurft, groß, schulterlange Locken – der Schwarm der Schule. Mit 18 kam bei uns auf dem Lande praktisch jeder mit dem Auto zum Unterricht. Udo würdigte uns nie eines Blickes. Vielleicht war er einfach zu schüchtern und längst nicht so cool wie sein Auto. Aber es genügte, dass er wortlos in seinen GT stieg und davonfuhr. Wir blickten ihm nach und dachten an die damalige Opel-Werbung: "Nur Fliegen ist schöner."

Der Opel GT war schon damals ein historisches Modell, und eigentlich hatte er bestenfalls eine interessante Karosserie. Er wirkte wie ein Teenager mit Schlaghosen, der ein Rocker sein wollte, aber noch zu Hause mit dem Federballschläger Luftgitarre spielte. Unter der Haube tuckerten die gleichen 90 PS wie in Papis Ascona. Vielleicht wurde der GT gerade deshalb ein Popstar: weil er, wie auch die anderen europäischen Matchbox-Versionen großer böser US-Sportwagen, so schön normal wirkte. Er passte nicht nur in die Garage, sondern auch in einen kleinstädtischen Kosmos der Siebziger und Achtziger.

Nur fünf Jahre lang, von 1968 bis 1973, wurde er gebaut. Anfangs belächelte man ihn als Corvette des kleinen Mannes. Doch dann wurde er nicht nur auf deutschen Straßen ein Renner, gut die Hälfte der über 100000 Exemplare wurde in die USA, ins Mutterland der Corvette, exportiert.

Bei GTI denkt heute jeder an den Golf und bei GT an Opel. Und über den hört man noch immer die alten Geschichten: welch kräftige Arme der Hebel erforderte, mit dem man die Glubschaugenscheinwerfer hochklappte. Wie das Gepäck zwischen den Sitzen nach hinten bugsiert werden musste. (Der GT hatte zwar einen Kofferraum, aber keinen Deckel.) Er war alles andere als ein Gran Turismo, also ein schneller, komfortabler Reisewagen für lange Strecken.