Wer nicht in Brighton lebt, ist verrückt und sollte eingesperrt werden." Dieser Satz stammt nicht aus der aktuellen Werbebroschüre des South East England Tourist Board, sondern von Stuart Petre Brodie Mais, einem seriösen britischen Autor. Mr. Mais hat die Partywelle der frühen 2000er und den aktuellen Pop-Boom gar nicht mehr erleben dürfen, sein Brighton war das Babel der Nachkriegsära, eine wunderbare Promenadenmischung aus Lebenslust und Lebensqualität.

Aber Brighton ist immer noch Spitze, behaupten jüngere Erhebungen. 93 Prozent der Einwohner Brightons bezeichnen sich laut einer Umfrage der National Lottery als glücklich, keine andere Stadt im Königreich kann solche Quoten erzielen. Steven Ansell und Laura-Mary Carter gehören zu den Glücklichen, der Song mit dem Titel It’s Getting Boring By The Sea, den sie als das Duo Blood Red Shoes aufgenommen und auf ihre MySpace-Seite gestellt haben, solle uns nicht irritieren, sagen sie. "Brighton ist ein großartiger Ort für eine Band", versichert Steven beim Interview. Wir sitzen in einem Café in Brighton Downtown, nicht weit von der Stelle, an der das gusseiserne Skelett aus dem Wasser ragt, das einmal der West Pier war. Eine bildmächtige Reminiszenz an Jugendtage – der Strand von Brighton hatte ihn als Teenager angezogen, damals, als er noch gar nicht hier lebte.

Die 250.000-Einwohner-Stadt ist ein einziges kreatives "Network"

Heute hat die Seaside etwas Kulissenhaftes, sie wirkt wie eine PR-Wand für weit größere Aufführungen. Brighton 2007 macht mit Party, mit Pop, mit seiner selbstbewussten schwulen Gemeinschaft und den großen Kulturfestivals, mit New Media und Secondhandshopping Schlagzeilen – als Modellgemeinde für eine erfolgreiche Subkultur, die bis in die feinsten Adern des Stadtkerns reicht. Als Brighton vor zehn Jahren mit dem Nachbarn Hove zur 250.000-Einwohner-Stadt zusammengelegt wurde, war diese Entwicklung nicht absehbar, doch inzwischen kommt man nach Brighton auch der Künste wegen. Die Manager der großen Plattenfirmen aus dem nur 50 Minuten entfernten London gehen längst auf Einkaufstour quer durch die Clubszene, Londoner Bands nehmen den Auftritt in Brighton als zweites Heimspiel, die Blood Red Shoes wurden zu Headlinern der NME New Music Tour 2007 erklärt. Liest man die einschlägigen Musikgazetten, gewinnt man den Eindruck, in Brighton befinde sich die Pforte zu einem neuen Pop-Paradies.

Das sind dann die Geschichten, die zur Aufheiterung der lädierten Schallplattenindustrie taugen – wie im Kleinen und Überschaubaren Weltgültiges entsteht. Solche Kleinstadtballaden sind schon geschrieben worden, sie handelten zumeist von Orten, die von den kulturellen Hitzewellen der Metropolen nicht erfasst worden sind – Bergen in Norwegen, das oberbayerische Weilheim oder Bristol an der Südwestküste Englands, wo Anfang der 1990er ein Bastard namens TripHop geboren wurde. Sound Of Bristol war bald ein Markenzeichen. Ein verbindlicher "Sound Of Brighton" ist bis heute noch nicht geortet worden, eine Corporate Identity fände man in diesen individualistischen Kreisen auch etwas billig. Die Musikszene in Brighton wirbt lieber mit ihrer kuriosen Vielfalt, das reicht von DJ Scotch Eggs Gabbertechno-Gemetzel auf dem Gameboy bis zum frei assoziierten Folk des Kollektivs Hamilton Yarns. Brighton darf als Musterstädchen postmodernen Networkings gelten, ein hemmungsloses Miteinander, Band-Hopping und Zweit- und Drittbandprogramm bestimmen den Pop-Alltag. Man muss nur die richtigen Orte kennen, die Knotenpunkte und gültigen Szenebörsen: die Brighton Electric Studios, das gerade mal wieder geschlossene Freebutt’s und den von einem John-Peel-Besuch geadelten Edgeworld Record Shop, der im Dachgeschoss eines Klamottenladens über dem polyglotten Treiben in den Laines thront.

Bands wie das Go!Team, die Pipettes, Electric Soft Parade, die Brakes oder die Blood Red Shoes haben das Image Brightons als Pop-City von überregionaler Bedeutung gefestigt. Ihnen gemein ist vielleicht nur die unausgesprochene Übereinkunft, sich dem Reglement des Brit-Rock zu verweigern, den ewig gleichen Sound- und Adoleszenzmustern, denen die erfolgreichsten Bands aus London, Leeds und Manchester seit Jahren hinterherlaufen. Brighton-Pop ist im besten Fall Überspitzung, Verzerrung, fröhliche Verzweiflung. Man kann das aus den rot glühenden Disco-Grunge-Stücken der Blood Red Shoes heraushören, aus den vollkommen übersteuerten Indie-Hymnen des Go!Teams oder den hochdramatischen Kitschkunstwerken der Pipettes. Das Vergnügen klingt gefährlich in Brighton, als hinge die Kunst manchmal mit dem Herzen über den hübschen Klippen.