Während 1968 in Dutzenden von amerikanischen Großstädten die Ghettos brannten und täglich Soldaten in Zinksärgen aus Vietnam zurückkamen, spielte der Mann, dessen Musik den rebellischen Stolz der Bürgerrechtsbewegung in harte Funkrhythmen umsetzte, ausgerechnet eine Heimatschnulze ein: America Is My Home. Klar, dass James Brown bei den radikalen Intellektuellen unten durch war. Was auch immer an der Geschichte dran ist, bewaffnete Black Panther hätten den Soulbrother Number One wegen seines mangelnden Engagements für die schwarze Sache zur Rede gestellt: Noch im selben August war der Soulsänger wie ausgewechselt. Nicht nur die einst so glatt-pomadisierten Haare hatte er sich zu einem stolzen Afro wachsen lassen. Auch seine Stimme schien einem anderen zu gehören. Einer mutigeren, radikaleren, kompromissloseren Version des alten James Brown: Say it Loud– I’m Black And I’m Proud.

Brown, der als Junge wegen ärmlicher Kleidung einmal aus der Schule nach Hause geschickt worden war und später im Puff und an den Straßenecken in Augusta für ein paar Münzen tanzte, kannte alle Facetten des Rassismus, wusste, dass er seinen Erfolg hauptsächlich einem schwarzen Publikum zu verdanken hatte. Insofern hatte Say It Loud durchaus autobiografischen Charakter. »Now we demand a chance to do things for ourself / We’re tired of beatin’ our head against the wall / And workin’ for someone else.« Mit Hilfe des begnadeten Schlagzeugers Clyde Stubblefield lässt Brown Melodie und Harmonie hinter sich. Die Gitarre, die Bläser, das Piano: alles nur noch Rhythmusinstrumente. Der Text ist zu energischen Soul Shouts und stotternden Fragmenten verdichtet. James Browns Besessenheit, den Beat immer auf die Eins zu setzen, hatte den Soul näher an Afrika gerückt als je zuvor. Wen störte es da, dass der Chor von I’m Black And I’m Proud hauptsächlich aus weißen und asiatischen Kindern besteht?

Der stolze Besitzer eines Learjets und eines Schlösschens sah sich im Grunde nie als Politprediger: Er wollte tanzen, die Welt zu seinem Rhythmus aus den Angeln heben. So versöhnt das der Single nachgeschobene Album die Widersprüche der eigenen Geschichte, präsentiert James Brown in all seinen schillernden Facetten. Da schmachtet er auf I Guess I’ll Have To Cry, Cry, Cry seine heiseren Liebesschwüre; lässt auf das Orgel-Instrumental Shades Of Brown die sexbesessenen Stakkato-Rhythmen von Licking Stick folgen, um, teils Sänger, teils Baptistenprediger, seine Hörer in Trance zu spielen. Der Flirt zwischen Black Power und James Brown hielt nicht lange. Doch auch wenn Brown bald wieder zu aalglatter Conk-Frisur und Patriotismus zurückkehrte: Es ist der Afro-gekrönte Soulmann, auf den sich Chuck D stellvertretend für Generationen von Hip-Hoppern bezieht: »James Brown«, so der Public-Enemy-Frontmann, »bereitete mich auf die Grundschule vor – und den Rest meines Lebens: Say it loud, I’m black and I’m proud«.

James Brown: Say It Loud – I’m Black And I’m Proud (Polydor/Universal)

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