Viel ist geschrieben worden über das Leben der Maria Callas. Dem habe ich nichts Wesentliches hinzuzufügen. Aber ein dunkles Kapitel in ihrem Nachleben sei doch einmal erwähnt. Es betrifft den Diebstahl ihrer Urne vom Père Lachaise in Paris, wo sie für zwei Jahre eine vorläufig letzte Ruhe fand. In der Nacht vom 25. Dezember 1977 wurde das Urnengrab aufgebrochen und das Gefäß mit den sterblichen Überresten der Callas gestohlen. Seltsamerweise, denn ohne dass die Diebe von der Polizei oder einem Nachtwächter gestört worden wären, fand man die Urne am nächsten Morgen auf dem Friedhofsareal an einem der Zäune. Sie wurde in Verwahrung genommen, später nach Griechenland gebracht, und ihr Inhalt wurde in die Ägäis geschüttet, dem Meer übergeben, wie es wohl, der Feierlichkeit des Anlasses gemäß, heißen sollte. Nur – wie kann irgendjemand annehmen, dass jene Urne wirklich noch Callas enthielt? Viel wahrscheinlicher ist doch, dass sich die Diebe mit ihrer Beute in einen besonders stillen Winkel des Friedhofs zurückzogen, um die Asche in einen Sack abzufüllen und die Urne mit anderer, mitgebrachter Asche wieder aufzufüllen. Schon um einen gewissen Fahndungsdruck von sich abzuwenden.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass irgendein verrückter Callas-Verehrer ihre Asche per Auftragsdiebstahl in seinen Besitz überführt hat und diese heute noch bei sich aufbewahrt. Ich versuche, mir einen solchen Menschen vorzustellen, und muss konstatieren, dass ich angesichts einer solchen Aktion nicht nur Abscheu fühle. Vielmehr auch Faszination. Da mir bislang keine Händler begegnet sind, die mir (und ich wäre nach meinem Callas-Roman Der große Bagarozy sicher ein Adressat gewesen) einen Teelöffel Callas-Asche zum Liebhaberpreis angeboten haben, lässt sich annehmen, hier habe jemand, ganz von der eigenen Obsession gelenkt, strikt im ureigensten Interesse gehandelt. Der Dieb wollte die tote Callas in seiner Nähe haben, wollte sein Zuhause mit ihr teilen. Das ist vielleicht kein direkter Akt der Liebe, aber einer der Verzweiflung. Und irgendwie hatte er ja recht: Eine Callas gehört auf keinen Friedhof. Sie gehört ihren Fans, und ob die Ägäis viel Verwendung für sie gehabt hätte, sei dahingestellt. Es gibt jenen kuriosen Dokumentarfilm, in dem ein asiatischer Einstein-Verehrer nach langer Recherche das in Formalin eingelegte Gehirn Albert Einsteins ausfindig macht. Enthusiasmiert vom Fund, bittet er den Besitzer, das Gehirn Albert Einsteins einmal mit seinen Fingern berühren zu dürfen. Der gewährt ihm die Bitte, und, kaum glaublich, schlägt ihm sogar vor, sich als persönliches Souvenir eine Scheibe jenes die Welt verändert habenden Organs abschneiden zu dürfen. Der Einstein-Verehrer, hoch beglückt, greift zum Brotmesser und folgt der Einladung. Ich mag diese Szene. Nach langem Überlegen. Zeigt sie doch eine pragmatische Verbindung von beinahe religiöser Bewunderung und Rationalität. Denn dieses Gehirn, so viel es auch geleistet haben mag, ist nur mehr von geringem praktischen Wert. Das Beste, was es noch zu leisten vermag, ist wohl, einen weit gereisten Fanatiker glücklich zu machen. Ich gehöre zu jenen Gottlosen, denen die Störung der Totenruhe wenig bedeutet. Denn wie kann man sicher sein, dass irgendeiner jener illustren Menschen sich strikte Totenruhe verordnet hat? Lenin wäre wohl recht angetan gewesen, auch so viele Jahrzehnte nach seinem Tod von noch so vielen Besuchern angestarrt zu werden. Ebenso kann ich mir vorstellen, dass die Callas gerührt wäre, wüsste sie, dass jemand das Gefängnis riskiert hat, um ihr einmal so nahe sein zu können, wie es ihm, solange sie lebte, nie möglich gewesen wäre. Zwar hat sie sich die Seebestattung gewünscht, vielleicht aber nur in Ermangelung vorstellbarer Alternativen. Auch Chaplins Leiche (er starb zufällig an ebenjenem bereits erwähnten 25. Dezember 1977 – was für eine Nacht!) wurde geklaut, vielleicht mit dem Vorsatz, von den Nachkommen Lösegeld zu erpressen. Das wäre wirklich widerlich.

Auch Rationalisten fühlen sich von bestimmter toter Materie ab und an besinnlich gestimmt.