Von Cecilia Bartoli sind, was das Leben und die hohe Kunst betrifft, keine größeren Überspanntheiten zu befürchten. Sie liebe Spaghetti, hat es anfangs gerne geheißen, dio mio, was erwartet man von einer Italienerin; sie habe überdies ein heiteres Gemüt und sei stets zu Scherzen aufgelegt – ihr legendärer Auftritt in einer Talkshow an der Seite von Sir Peter Ustinov etwa, als beide akustisch die Jagd in einem klapprigen Fiat durch Rom imitierten, vergisst sich so leicht nicht. Außerdem reist sie, so oft es geht, in Gesellschaft ihrer Mutter (und einzigen Gesangslehrerin), fährt viel lieber Zug, als dass sie fliegt und ist mit dem Schweizer Bariton Oliver Widmer liiert. Und wer sie an einem frösteligen Frühherbstmorgen im Foyer des Zürcher Opernhauses zum 45-Minuten-Gespräch trifft, der darf sich getrost an einer Spur Goldpuder überm sonnengebräunten Dekolleté erwärmen. Vier Wochen Südfrankreich, strahlt Bartoli und ringt verlegen nach Vokabeln, da müsse sie ihr Englisch erst wieder aus der Mottenkiste holen.

Selbstredend findet sie sie rasch, die Worte, die richtige Tonlage zwischen Emphase und Beflissenheit, um ihre jüngste Leidenschaft ins rechte Licht zu rücken: Maria Malibran lautet diese, "Zigeunerin", Koloratur-Mezzosopranistin vom kleinen E bis zum hohen C und Inbegriff der historischen Diva, von Rossini, Bellini, Victor Hugo und Chopin heiß umschwärmt, eine Ikone des romantischen Belcanto, die erste Sängerin, so Bartoli, die die Opernbühne mit der Seele gesucht und den Kanon der alten Affekte gesprengt habe. Maria & Cecilia, Cecilia & Maria also, eine treffliche Marketing-Schwesternschaft, über der, ohne dass es je ausgesprochen werden müsste, auch die andere Maria schwebt, die Assoluta des 20. Jahrhunderts – Maria Callas.

"Ich verehre Sie so sehr, dass ich Sie am liebsten aufessen möchte", schreibt die Malibran an ihre Primadonnen-Kollegin Giuditta Pasta. Solche kannibalischen Gelüste würde man Cecilia Bartoli niemals unterstellen. Auch von der Ausdruckswut einer Callas scheint sie Lichtjahre entfernt. Die Frau ist ein Vollprofi und liebreizend und nett obendrein. Und selbst wenn ihre Nettigkeit nichts anderes wäre als professionell, man wäre’s zufrieden.

Im Dienste der Sache tourt Bartoli demnächst mit einem Bus über Land, vom toskanischen Lucca bis nach Berlin. Das heißt: Weder lenkt sie das sperrige Gefährt selbst (wie die passionierten Bushalter Hilary Hahn oder Christoph Schlingensief es vielleicht täten), noch sitzt sie kurvengebeutelt hinten drin. Man mag sich das Ganze eher vorstellen wie die mobilen Blutspendedienste des Roten Kreuzes oder jene Bücherbusse, die die deutsche Provinz mit Lektüre versorgen, und Cecilia Bartoli wäre hier also wahlweise Lesetante oder Oberschwester.

Nur dass sie selbst eben per Limousine oder Eurocity erster Klasse voraus- respektive hinterherfährt, und das zu transportierende Gut aus Handschriften, Briefen, Schmuck, Möbeln und anderen Artefakten besteht. Reliquien der Maria Malibran! Zeitgenössische Kaffeekannen, Porzellanpfeifen oder Intarsienarbeiten mit deren Konterfei; Büsten und Stiche; eigene Kompositionen, Gemälde und großflächige Stickereien; und natürlich die Totenmaske mit ihrem ewig sonnigen, friedfertigen Gipslächeln. Ein rollender Showroom. Die Malibran war 28, als sie starb, und Werner Schroeter, der vielfach unterschätzte Filmregisseur, widmete ihrem Sterben schon 1971 einen Fernsehfilm (mit der allerdings wenig charismatischen Christine Kaufmann).

"Mariquita", so wird die Malibran in ihrem Herkunftsland Spanien genannt: die Wiedergeburt der griechischen Circe, Odysseus’ Sirene, kurz: der "personificirte Gesang", wie es 1837, ein Jahr nach ihrem Tod, in Isaac Nathans höchst lesenswerter Biografischer Skizze heißt. Fast möchte man ihr lieber nicht leibhaftig begegnet sein, aus Angst, verschlungen zu werden von der lodernden Intensität ihrer Kunst, die so viele glaubhaft bezeugen, und vielleicht ist es ja gerade jene unüberbrückbare Distanz, die Bartoli gleichermaßen fasziniert und in Sicherheit wiegt.