Herat/Zendajan - Es ist neun Uhr morgens, im Frühstücksraum eines Herater Hotels dröhnt der Fernseher. Der Nachrichtensprecher verliest die üblichen Bulletins über die Opiumrekordernte und die Nato-Scharmützel mit den Taliban. Fahima Vorgetts hat zu dieser Stunde schon genügend andere Sorgen. Ein paar Halbstarke haben Ibrahim, dem Computerlehrer, das Motorrad geklaut, das er für die Fahrt zu den Dorfschulen braucht; der Hauswarenhändler auf dem Basar hat die falschen Töpfe für die neue Kantine geliefert; und dieser jammernde Dorfälteste ruft jetzt schon zum dritten Mal an – irgendwelche Bürokraten blockieren die Bauarbeiten für die Mädchenschule. "Wahrscheinlich wollen sie Schmiergeld kassieren", klagt sie.

Zwei Stunden später hat sich die Lage etwas entspannt, Ibrahim hat auf dem Basar in Herat schnell ein neues Billigmotorrad made in China bekommen, auch die Töpfe sind umgetauscht. Nur der Dorfälteste muss warten. Sein Dorf liegt in der Provinz Laghman im Osten Afghanistans, Fahima Vorgetts aber rumpelt gerade in einem klapprigen Toyota durch den Westen des Landes, den Kofferraum beladen mit Küchenutensilien, die Handtasche vollgestopft mit zwei Handys, zerknüllten Notizzetteln und einer Dose Babytrockentüchern, die sie in Alkohol getränkt hat. Fahima Vorgetts, 52 Jahre alt, Afghanin mit amerikanischem Pass und eigener Mission, fürchtet die örtlichen Hygieneverhältnisse ebenso wie die Taliban. Gegen Letztere kann sie wenig ausrichten, gegen Erstere sehr viel. Jeder Löffel, jedes Teeglas wird desinfiziert. Für einen verdorbenen Magen hat sie keine Zeit.

Seit fünf Jahren pendelt Vorgetts im Auftrag einer kleinen amerikanisch-afghanischen Frauenorganisation namens Women for Afghan Women (WAW) zwischen den Welten, sammelt in Amerika Spenden und Sponsoren und lässt mit dem Geld in Afghanistan Schulen bauen, Obsthaine anlegen, Brunnen bohren, manchmal eine Straße planieren. Rund zwanzig Orte stehen auf ihrer Empfängerliste – manche rund um die Großstädte Kabul und Herat, wo die Sicherheitslage leidlich gut ist, andere in gefährlichen Provinzen wie Logar, Laghman, Paktika, Wardak, Ghasni. Es sind kleine, billige Projekte, die alle einen Kniff haben: Gemeinden, die von Vorgetts Geld profitieren wollen, müssen sich auf Alphabetisierungskurse für Frauen und Schulunterricht für Mädchen einlassen. Es gibt Orte, aus denen muss sie unverrichteter Dinge wieder abreisen, weil der lokale Kriegsherr Geld abzweigen will. Und es gibt Orte, da bricht ganz leise die Revolution aus.

Die Fahrt von Herat nach Zendajan geht auf der frisch geteerten Straße Richtung iranische Grenze, dann links ab auf eine Schlaglochpiste. Am Horizont ockerbraune, wild gezackte Berge, davor endlose Ebenen aus Geröll. "Menschen unerwünscht", scheint diese Landschaft zu sagen. Dann tauchen die ersten Lehmhäuser auf und mit ihnen das Farbenspiel von Zendajan: grüne Bäume mit roten Granatäpfeln, Männer mit weißen, seidig schimmernden Turbanen, Frauen in blauen Burkas.

Als Fahima Vorgetts 2003 zum ersten Mal nach Zendajan kam, waren die Menschen eifrig damit beschäftigt, ihre im Krieg zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Es gab zwar – außer Opiumschmuggel – keine Arbeit, aber Aufbruchstimmung. Zusammen mit einer Herater Frauenorganisation spielte Vorgetts in Zendajan ihre mittlerweile erfolgserprobte Strategie durch: "Immer zuerst in der Moschee mit den Männern reden" – mit den Mullahs und den Angehörigen der Schuras, der ständigen Räte, die auf lokaler Ebene fast alles entscheiden. Dann im Ort die organisationstüchtigen Frauen identifizieren – "oft sind das die Lehrerinnen". Schließlich einige liberal gesinnte und angesehene Männer finden. Denn um den Frauen die Chance zum Lernen zu verschaffen, braucht es Räume nur für Frauen. In Afghanistan aber verfügen allein die Männer über Land und Häuser. In Zendajan nun gründeten kaum ein Jahr nach Vorgetts erstem Besuch mehrere Frauen ihre eigene Schura; der Vater einer Lehrerin spendete ein paar Hektar Land, Vorgetts’ Organisation 28000 Dollar für Baumaterial – und der erste Frauenrat von Zendajan hatte plötzlich ein stattliches Haus.

Die Frauentaktik: Immer erst mit den Männern in der Moschee reden