Mark O’Keefe steigt vom Foyer der City Hall, des frisch renovierten Konzertsaals des BBC Scottish Symphony Orchestra in Glasgow, die Treppe zum Restaurant hinauf. Auf dem Treppenabsatz bleibt er kurz stehen. Über ihm hängt das überlebensgroße Bild eines jungen Mannes mit einem Blasinstrument. Er ist dieser Mann, 38 Jahre alt und seit 1996 erster Trompeter des Ensembles. O’Keefe ist Ire, aber er spricht den Namen der Stadt genauso weich und samtig aus, wie deren Einwohner das tun.

O’Keefe wird uns sein Glasgow zeigen auf einem Streifzug vom gediegenen Westen, in dem er wohnt, bis in den harscheren Osten, wo das Konzerthaus steht. Wir werden in Cafés, in denen er am liebsten Espresso trinkt, Pause machen. Wir werden Stätten passieren, die er meidet. Vor allem aber werden wir Orte besuchen, an denen das griesgrämige, mürrische Glasgow Neues hervorbringt, Orte, die O’Keefe und seine Kollegen besonders inspirieren.

Der Musiker scheint viel zu zart und empfindsam für die raue Industriestadt, das verfallende Maschinenhaus des dahingegangenen Empire. Wenn ihm eine Geräuschkulisse unerträglich wird, legt er die rechte Hand wie einen akustischen Puffer über das Ohr, eine unwillkürliche Geste, um sich vor der lärmenden Umwelt zu schützen. Dort, wo er lebt, in einer kleinen ebenerdigen Wohnung am oberen Ende einer steilen Straße im West End, ist es ganz ruhig. Tritt man aus dem Haus, hört man nur das Rascheln des Laubes in einem mit hohen Bäumen bestandenen Stadtgarten. Und Vogelgezwitscher.

Unten mündet die Straße in die Byres Road. Hier wird es lauter. Wir trinken Kaffee bei Heart Buchanan. Der Kaffee und die dazu gereichten Birnen- und Apfeltörtchen werden auf Holztabletts serviert. Alles ist sehr pariserisch, der Geruch frischer Baguettes, das Interieur aus Eiche, sogar die Kissen im Karomuster wirken hier gar nicht schottisch. In einem Regal stehen Einmachgläser mit Hummus, O’Keefes Lieblingssorte ist ein Gemenge mit Roter Bete und Basilikum. Wir sitzen am offenen Fenster und sehen dem Treiben auf dem Bürgersteig zu.

Eigentlich sollte es regnen, der Wind sollte vom Meer her durch die Straßen pfeifen, die Menschen sollten übel gelaunt und verdrießlich ihre Jackenkragen hochschlagen und sich mit dem Handrücken die von der Nase rinnenden Tropfen wegwischen. So stellt man sich Glasgow vor. Aber es ist mild, die Sonne glimmert milchig durch einen dünnen Wolkenschleier. Die Glasgower schlendern in kurzärmligen Hemden durch die Straßen, bleiben vor den Schaufenstern stehen.

Die Ratsverwaltung versucht der Welt seit dreißig Jahren zu erklären, dass ihre Stadt anders ist, als man erwartet. Dass der Verfall gestoppt sei, triste stillgelegte Docks und ein untätiges, in Alkohol ertrinkendes Proletariat der Vergangenheit angehören. Glasgow smiles better hieß der Slogan der achtziger Jahre, den man als "Glasgow lächelt echter" und "Glasgow ist meilenweit besser" verstehen kann – jedes Mal mit dem unausgesprochenen Zusatz "als Edinburgh".

Die Werbekampagne krankte daran, dass sie nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Bis heute kann sich die Stadt nicht mit der prächtigen, wohlhabenden, nur fünfzig Kilometer entfernten Hauptstadt Schottlands vergleichen. Die Autobahn schlägt eine Schneise durch das Zentrum. Das Erste, was man von Glasgow sieht, sind Plattenbauten und Gasometer. In manchen Glasgower Stadtteilen wie Anderston und Parkhead liegt die Lebenserwartung mit 63 Jahren auf dem Niveau Indiens. Schon 13-jährige Kinder wissen in diesen Gegenden, wie man Drogen mit dem billigsten Fusel für den härtesten Effekt mischt.

Doch es hat sich etwas geändert. Am unteren Ende der Byres Road stoßen wir auf die Gemeindekirche der Church of Scotland. Lange ging niemand mehr hin. Die Kirche wurde geschlossen, das Gemäuer verfiel. Seit 2004 blicken die Steinbüsten großer Reformatoren nun wieder streng in den Raum, Erasmus, Calvin, Luther, John Knox. Die Kirche ist allerdings keine Kirche mehr. Die Decke ist neu bemalt, ein psychedelisches Wabern von Feen und Nymphen. Eine Bar nimmt den größten Teil des Hauptschiffs ein. Die Sakristei wurde in eine Brasserie umgewandelt, der Keller in einen Nachtclub.

Nicht, dass ein Nachtclub O’Keefes Lieblingsort wäre. Aber im Hauptschiff dominiert die Kultur. Zur Mittagsstunde gibt es für 10 Pfund Eintritt "ein Bühnenstück, ein Bier und eine Kleinigkeit zu essen", jeden Montagabend werden "ein Konzert, ein Cocktail und ein Imbiss" geboten, jeden Mittwochabend "Dinner, Drama und ein dram", das schottische Wort für ein Glas Whisky. Die Spannweite der Konzerte reicht von Bach über Schönberg bis zu Uraufführungen einheimischer Komponisten. Einer der Komponisten war uns gerade über den Weg gelaufen. Das Westend ist ein schottisches Schwabing, man kennt sich und trifft sich.