Am Dienstag trat ein letztes Mal der Nationale Ethikrat in Berlin zusammen. Am 2. Mai 2001 hatte die Regierung Schröder die Konstituierung des Gremiums beschlossen, fünf Wochen später hatten sich die Experten zum ersten Mal versammelt: Juristen und Politiker, Theologen und Mediziner, Forscher und Philosophen.

Ein Rat von Schröders Gnaden sei da ins Leben gerufen worden, unkten Kritiker. Der Kanzler habe einen Unterstützerchor für seine biopolitische Großoffensive geschaffen. Tatsächlich hatte Gerhard Schröder kurz zuvor gefordert, die Entwicklungen der Biomedizin müssten "ohne ideologische Scheuklappen" diskutiert werden. Aber diesen Marschbefehl hatte weder der Rat nötig, noch hatte Schröder tatsächlich Gelegenheit, sich zwischen Gentests und Klonbabys politisch zu profilieren.

Der Erlass zur Gründung des Gremiums aber ist noch heute die Lektüre wert. Denn die dort garantierte Unabhängigkeit haben die Vertreter sichtbar und fruchtbar genutzt. Dabei ist ihnen Größeres gelungen, als nur den Ruf der politischen Unbeeinflussbarkeit zu festigen. Sie haben in der Diskussion über die großen Fragen zu Lebensbeginn und Lebensende, Identität und Selbstbestimmung die Konsenskultur der verunsicherten jungen Bundesrepublik endlich verlassen und Mut zum Dissens bewiesen.

Im Zwang zur Einigkeit, das zeigt ein Blick in die Empfehlungen anderer Gremien, geht vielen Aussagen die Tiefe verloren – und den Diskutanten die notwendige Nähe zum alltäglichen Leben und zum Willen der Bürger. Darum lesen sich die Empfehlungen des Nationalen Ethikrates mitsamt den Minderheitsvoten und Gegenworten als kluge und glaubwürdige Zeugnisse des offenen Diskurses in einer aufgeklärten Gesellschaft.

Stammzellforschung, Fortpflanzungsmedizin, Organspende, Sterbehilfe – der Rat hat nicht nur seine Arbeitsweise, sondern auch seine Themen selbst gesucht und hat sich dabei nicht gescheut, schwelende Debatten erst richtig anzufachen. Formal war die vom Bundestag berufene und manchmal als Konkurrenz auftretende Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin" stärker legitimiert, zu aktuellen biopolitischen Fragen das Wort zu ergreifen. Im Ergebnis war die Arbeit des Ethikrats oft nachhaltiger. "Wir waren der Stein im Wasser", sagt die Ratsvorsitzende Kristiane Weber-Hassemer.

So manche vom Rat erzeugte Welle ist noch lange nicht abgeebbt. Die Diskussion um Organspenden hält an. Die Debatte ums Stammzellgesetz wird weitergehen. Manchen Stein gilt es erst noch zu werfen. Das große Feld der Neuroethik, von der Debatte um den freien Willen bis zu chirurgischen und pharmakologischen Eingriffen ins Ich, gilt es zu diskutieren. Das darf und muss jetzt das Nachfolgegremium, der Deutsche Ethikrat, leisten.

Name und Besetzung des Gremiums wandeln sich nun. Die Bundesregierung und der Bundestag berufen ihre Ratgeber gemeinsam. Die Tugenden aber müssen erhalten bleiben. Vor allem der Mut zum Dissens in Fragen, auf die es keine letzten Antworten gibt.