Das Eis ruft

Nach sechs Stunden Marsch sehen wir zum ersten Mal, weshalb wir kamen. Ein namenloser Pass gibt den Blick frei auf den Atlantik und den Sermilikfjord. Eisberge, mächtig wie Kathedralen, ragen aus der Flut. Morgen werden wir in die Kajaks steigen und zwischen ihnen hindurchpaddeln, zehn Tage an der ostgrönländischen Küste entlang in die Wildnis. Nur ein paar Hundert Touristen pro Jahr machen sich auf so eine Reise. Annehmlichkeiten gibt es keine; das arktische Meer verzeiht kaum ein Kentern, die Temperatur des Salzwassers liegt unter null Grad. Zerklüftete Klippen recken sich aus dem Ozean empor, nur selten klammert sich kärgliches Grün an den Fels. Hinter dem Küstengebirge beginnt der Eispanzer, der fast ganz Grönland bedeckt und an seiner dicksten Stelle 3400 Meter misst.

Um dieses Reich zwischen Meer, Fels und Eis zu erkunden, ist das Kajak die natürliche Wahl. Schließlich wurde es von den Inuit erfunden, die hier seit 2000 Jahren siedeln und damit Robben und Narwalen nachstellten. Nur in diesem Jagdboot spürt man so hautnah die Kraft der Wellen, die Gischt, den kalten Hauch des Eises. Aus der Froschperspektive erkennt man die Wucht der Eisriesen und hält ganz von selbst den gebührenden Abstand.

Das ist auch besser so. Jederzeit können Stücke von einem Eisberg abbrechen, dann rollt er tosend in ein neues Gleichgewicht und löst dabei Brecher aus. Für die Inuit war die Gefahr täglicher Begleiter auf der Jagd. In ihren überlieferten Geschichten findet man Sätze wie diesen: "Das Übliche geschah; die Kajaks fuhren hinaus und kehrten nicht zurück." Darum muss man sich das Eis zum Freund machen, sagt der Kajakführer Baldvin "Baldi" Kristjansson am Abend vor unserer ersten Paddeletappe im Camp. Wir sollen lernen, mit welchem Eis wir es zu tun haben. Das Meereis ist flach und ungefährlich. Vorsicht gebieten die Eisberge, die von einem der grönländischen Gletscher ins Meer gekalbt wurden und oft gefährlich unter Spannung stehen.

Der gebürtige Isländer lebt seit zehn Jahren in Grönland und hat die meiste Zeit davon in der Wildnis verbracht. Vor zwei Jahren lotste Baldi zwei Blinde im Kajak tausend Kilometer entlang der ostgrönländischen Küste. 49 Tage durch Klippen, Eis und Stürme. Den "Everest für Meereskajakfahrer" nennt der amerikanische Extremsportler Lonnie Dupre diese Strecke. Als einer der Männer beim Einsteigen ins eisige Wasser fiel, fischte ihn Baldi in Sekunden heraus – und brach sich dabei eine Rippe. In unserer Gruppe ist eine Teilnehmerin dabei, die nur ein Bein hat. Das andere verlor die ehemalige Expeditionsärztin bei einem Motorradunfall. Kein Grund, nicht mehr die Welt zu erkunden.

Die übliche Route, die hier angeboten wird, führt durch geschützte Fjorde, Ostgrönland light. Doch mit uns zwölf hat Baldi anderes vor. Er will an der offenen Küste entlang, wie mit den Blinden. Da werden wir der Wucht des Nordatlantiks ausgesetzt sein. Ziehen Stürme auf, so könnten wir für Tage festsitzen, die ganze Tour wäre bedroht. Aber wenn alles gut geht, werden wir ungleich mehr Eisberge sehen können als in den Fjorden – und mehr Packeis, das Eisbären bringen kann. Darum führt Baldi ein Gewehr mit. Er schärft uns ein: "Wenn wir einen Eisbären sehen, fotografiert keiner, jeder hört auf meine Anweisungen – augenblicklich."

Das Eis ruft

Die ersten zwei Tage dienen der Eingewöhnung. Wir überqueren den Sermilikfjord, feilen an der Paddeltechnik und bestaunen die ersten Eisberge. Wie die Wolken am Himmel bieten sie eine unendliche Formenvielfalt. Wir machen uns ein Spiel daraus, Vergleiche zu finden. Da vorne schwappt ein kühner Bau von Frank O. Gehry und da drüben ein kolossales Gehirn. Oft sind Bögen zu sehen oder Löcher. Auf einigen Riesen haben sich Schmelzwasserbäche in die Oberfläche gefressen, die als Wasserfall ins Meer stürzen.

Vor den Farben des Eises muss die Sprache kapitulieren. Blütenweiß, unergründlichblau, satt-türkis sind hilflose Annäherungen. Es scheint Hunderte von Eiszuständen zu geben, jeder mit eigenem Farbton. Manchmal gleitet das Kajak durch Champagner, unzählige Blasen knistern im Wasser. Das Gas poppt aus kleinen Stücken, die eben von einem Eisberg abgebrochen sind. Es ist Luft, die vor Tausenden von Jahren auf der Oberfläche eines Gletschers im sich bildenden Eis eingeschlossen wurde. Fischt man die Stücke aus dem Wasser und nimmt sie in die Hand, ist ein feines Blubbern zu spüren.

Am dritten Tag sagt Baldi nach dem Frühstück: "Ab jetzt sind wir auf Expedition. Wir werden den Fjord verlassen und die exponierte Südroute einschlagen." An diesem Morgen muss er besorgte Fragen zu Weg und Wetterlage beantworten, und wir packen die Boote besonders sorgfältig. Den ersten Kilometer paddeln wir noch hinter dem Schutz einer Insel. Dann öffnet sich die See. Die Dünung wird stärker, die Wellentäler verschlucken die Nachbarboote, nur noch die Paddler sind zu sehen. Das eisige Wasser schwappt übers Kajak und spritzt ins Gesicht. Der Atlantik wirft sich den Eisgiganten entgegen, Gischtfontänen schießen in die Höhe. Auch die Brecher an den Felsklippen zur Rechten sehen ungemütlich aus. Ein Eisblock ist in ihre Fänge geraten und wird unter Getöse zermalmt. Unablässig hallt das Donnergrollen von Eisbergen, die Ballast abwerfen. Plötzlich fällt ein Brocken, groß wie ein Walrossbulle, einige Dutzend Meter vor uns ins Wasser. Die Warnung sitzt: Abstand halten!

Die Geschichten der Inuit sind bevölkert von Geistern und Gruselwesen. Als Nebel aufzieht, ahnen wir, warum. In den dichten Schwaden erscheinen Eis und Fels als spukhafte Gestalten. Selten zeigt sich der orangefarbene Ball der Sonne hinter den Wolken. Das Wasser ist von einem intensiven Blaugrün, wie wir es bisher nicht gesehen haben. Die lebhafte See fordert die Muskeln, trotzdem schmerzen die Arme und der Hintern nicht mehr wie in den ersten Tagen. Synchron bewegen wir uns in den Zweierkajaks, versunken im Rhythmus des Augenblicks. Dann tauchen aus dem Wasser die dunklen Köpfe von Robben auf. Die Tiere scheinen das Spiel in den tanzenden Wellen zu genießen.

Für solche Momente erdulden wir die Mühsal des arktischen Nomadenlebens. Wahre Hassobjekte sind die klobigen Überlebensanzüge, die im Fall eines Kenterns vor dem eisigen Wasser schützen sollen. Lästig ist auch das Morgenritual, das gut und gerne drei Stunden dauert: Zelte trocknen und abbauen, die Ausrüstung packen und wasserdicht im engen Kajak verstauen. Natürlich versenkt man jedes Mal etwas Wichtiges tief unten in einem der Säcke und merkt es erst, wenn alles geladen ist. Die an die zwei Zentner schwer beladenen Boote müssen wir wegen der Gezeiten jeden Abend über Klippen in Sicherheit hieven. Die Lagerplätze werden mit der Zeit immer karger. Doch auch auf Stein kann man Zelte aufbauen. Ein Vorteil der felsigen Lagerplätze ist, dass wir dort vor den Mücken sicher sind, die uns zu Beginn gequält haben. Die in Wolken auftretenden Plagegeister stechen zwar nicht, dringen aber schnurstracks zu den Augen, in die Nase und die Ohren vor. Da rettet nur ein Mückennetz über dem Kopf vor dem Wahnsinnigwerden.

Das Eis ruft

Das Salzwasser und das Paddeln sorgen dafür, dass man seinen Körper intensiver spürt als sonst: Nach dem Schlafen sind die Finger aufgedunsen und sehen aus wie Würste. Trotz der Strapazen ist man so aufgeputscht, dass man sich selbst nach einem Paddeltag noch anstrengen will und die Berge ums Camp erklimmt. Meistens entdecken wir Relikte der Inuit: Kreise aus Steinen, die einst die Felle der Sommerzelte befestigten, oder die Mauern der Winterhäuser. In diesen knapp 20 Quadratmeter großen Behausungen lebten vier, fünf Familien. Alleinige Licht- und Wärmequelle in der Polarnacht war eine Steinplatte, auf der Robbenfett verbrannt wurde. Das Holz driftete von Sibirien heran. Heute haben die Menschen die halbnomadische Lebensweise aufgegeben und wohnen in wenigen Dörfern.

Die Inuit lebten von den Robben, die sie im Winter mit Hundeschlitten, im Sommer vom Kajak aus jagten. Die Tiere lieferten ihnen fast alles: das Fleisch und die Felle und Häute für Kleidung, Zelte, Kajakhülle. Blieben die Robben aus, herrschte Hungersnot. In den letzten 2000 Jahren wurde die ostgrönländische Küste von Nordkanada aus mehrfach besiedelt, und wiederholt starb die Bevölkerung aus. 1933 berichtete der Ethnologe Knud Rasmussen, dass er noch Ostgrönländer getroffen habe, die verhungerte Menschen gegessen hatten. Viele Menschen hat das Land nie ernährt. Als die ersten Europäer 1884 hierher gelangten, zählten sie 413 Menschen. Zuvor hatte das viele Eis, das die Ostgrönlandströmung vom Norden herantransportiert, europäische Expeditionen unmöglich gemacht. Wegen der kalten Strömung ist die Vegetation hier spärlicher als an der Westseite. Auch heute leben kaum 3500 Menschen im Osten, die meisten in Tasiilaq, wo unsere Tour begann. Eine ihrer Herausforderungen ist der Klimawandel, der ihre Umwelt schon spürbar verändert hat. Die Fjorde frieren nicht mehr richtig zu, statt vom Eis aus nach Robben zu jagen, gehen sie jetzt fischen.

Bei jedem Essen müssen wir an die alten Inuit denken, die so oft hungerten. Morgens stopft Baldi jeden mit Porridge voll. Zum Mittagessen hauen wir uns Unmengen an Brot, Speck, Butter, Nutella und Keksen rein. Abends gibts Suppe und Eintopf. Pro Tag wohl an die 5000 Kalorien. Der Heißhunger kommt natürlich vom Paddeln und von der Kälte. Baldi erzählt von Reisegefährten, die abwechselnd vom Brot in der Linken und von einem Stück Butter in der Rechten abbissen. Schon einige Tage vor Ende der Tour greift die Sorge um sich, wie wir unsere Körper vom Fetttrip herunterbringen können.

Noch bleibt uns etwas Zeit. Aber haben wir nicht schon alles gesehen? Auf die seltenen Narwale mit ihrem gewundenen Horn darf man nicht hoffen, das wäre ein zu großer Glücksfall. Trotzdem bietet jeder Tag neue Überraschungen. Die Robbe, die sich auf einer Eisscholle räkelt. Die Eisbärenspuren, die wir bei einem Lager entdecken. Die langsame Reise schärft die Sinne. Die Ohren halten immer mehr Geräusche auseinander: das Donnern von kollabierenden Eisbergen, das Grollen der Brecher, den hellen Klang des Schmelzwassers, das ins Meer tropft. Die Inuit können an den Eisgeräuschen Wetterwechsel erkennen, erzählt Baldi. Erst in Isertoq sehen wir andere Menschen. Das 120Seelen-Dorf ist bis zur tausend Kilometer entfernten Südspitze Grönlands die einzige Siedlung. Die Bewohner, die nicht auf der Jagd sind, sitzen vor ihren Häusern und trinken Bier. Im Laden kaufen wir Nachschub an Nutella und Keksen. Wir haben noch etwas Großes vor. 30 Kilometer südwestlich von Isertoq enden die erhältlichen Karten. Dahinter liegt Terra incognita. Da wollen wir hin. Dort, wo der Eispanzer Grönlands sich direkt ins Meer senkt, vermutet Baldi ein Wunderland mit noch mehr Eis im Meer.

Er behält recht. Am übernächsten Tag können wir unsere Boote nur noch durch enge Passagen schlängeln. Vom Hügel einer Insel inspizieren wir das Gebiet: ein Gedränge von Eisbergen und -platten. Dahinter thront der Eispanzer. Was bei freiem Wasser ein paar Stunden dauern würde, veranschlagt Baldi auf zwei Tage Wegstrecke. Zu lange. Der letzte Traum bleibt unerfüllt, am Rand der Karte kehren wir um. Zwei per Satellitentelefon bestellte Boote holen uns in unserem Camp ab. Die rasende Rückfahrt mit den Motorschiffen nach Tasiilaq dauert fast fünf Stunden und erfüllt uns mit Stolz: All das sind wir gepaddelt.

Das Eis ruft

INFORMATION

Anreise:
In Ostgrönland gibt es nur zwei bewohnte Regionen: Ammassalik (Tasiilaq) und Ittoqqortoormiit (Scoresbysund). Hauptreiseziel ist Ammassalik mit seinen 1500 Einwohnern. Man erreicht es per Flugzeug über Reykjavík (Island) oder via Kopenhagen und Kangerlussuaq (Grönland). Von Island aus bietet Air Iceland Tages- oder Zweitagestouren nach Ammassalik ( www.airiceland.is )

Unterkunft: In Tasiilaq das Red House, das der Extremsportler Robert Peroni führt ( www.east-greenland.com ), oder das Hotel Angmagssalik ( www.arcticwonder.com/hotelang.html )

Die Tour: Die beschriebene Reise wird von dem amerikanischen Veranstalter Explorer’s Corner immer im Juli und August organisiert ( www.explorerscorner.com , Tel. 001-510/5598099). Sie kostet rund 3000 Euro inklusive Kajaks, Guide, Verpflegung, Übernachtung und Flug Island–Grönland. Weitere Informationen unter
www.east-greenland.com und www.greenland.com

Literatur: Petra Woebke / Friederike Bronny: "Grönland". Bruckmann Verlag, München 2006, 111 S., 24,90 €. In nach Regionen gegliederten Kapiteln bringen die Autorinnen die Natur und das Leben in Grönland dem Leser näher, ergänzt durch informative Texte.