Die ersten zwei Tage dienen der Eingewöhnung. Wir überqueren den Sermilikfjord, feilen an der Paddeltechnik und bestaunen die ersten Eisberge. Wie die Wolken am Himmel bieten sie eine unendliche Formenvielfalt. Wir machen uns ein Spiel daraus, Vergleiche zu finden. Da vorne schwappt ein kühner Bau von Frank O. Gehry und da drüben ein kolossales Gehirn. Oft sind Bögen zu sehen oder Löcher. Auf einigen Riesen haben sich Schmelzwasserbäche in die Oberfläche gefressen, die als Wasserfall ins Meer stürzen.

Vor den Farben des Eises muss die Sprache kapitulieren. Blütenweiß, unergründlichblau, satt-türkis sind hilflose Annäherungen. Es scheint Hunderte von Eiszuständen zu geben, jeder mit eigenem Farbton. Manchmal gleitet das Kajak durch Champagner, unzählige Blasen knistern im Wasser. Das Gas poppt aus kleinen Stücken, die eben von einem Eisberg abgebrochen sind. Es ist Luft, die vor Tausenden von Jahren auf der Oberfläche eines Gletschers im sich bildenden Eis eingeschlossen wurde. Fischt man die Stücke aus dem Wasser und nimmt sie in die Hand, ist ein feines Blubbern zu spüren.

Am dritten Tag sagt Baldi nach dem Frühstück: "Ab jetzt sind wir auf Expedition. Wir werden den Fjord verlassen und die exponierte Südroute einschlagen." An diesem Morgen muss er besorgte Fragen zu Weg und Wetterlage beantworten, und wir packen die Boote besonders sorgfältig. Den ersten Kilometer paddeln wir noch hinter dem Schutz einer Insel. Dann öffnet sich die See. Die Dünung wird stärker, die Wellentäler verschlucken die Nachbarboote, nur noch die Paddler sind zu sehen. Das eisige Wasser schwappt übers Kajak und spritzt ins Gesicht. Der Atlantik wirft sich den Eisgiganten entgegen, Gischtfontänen schießen in die Höhe. Auch die Brecher an den Felsklippen zur Rechten sehen ungemütlich aus. Ein Eisblock ist in ihre Fänge geraten und wird unter Getöse zermalmt. Unablässig hallt das Donnergrollen von Eisbergen, die Ballast abwerfen. Plötzlich fällt ein Brocken, groß wie ein Walrossbulle, einige Dutzend Meter vor uns ins Wasser. Die Warnung sitzt: Abstand halten!

Die Geschichten der Inuit sind bevölkert von Geistern und Gruselwesen. Als Nebel aufzieht, ahnen wir, warum. In den dichten Schwaden erscheinen Eis und Fels als spukhafte Gestalten. Selten zeigt sich der orangefarbene Ball der Sonne hinter den Wolken. Das Wasser ist von einem intensiven Blaugrün, wie wir es bisher nicht gesehen haben. Die lebhafte See fordert die Muskeln, trotzdem schmerzen die Arme und der Hintern nicht mehr wie in den ersten Tagen. Synchron bewegen wir uns in den Zweierkajaks, versunken im Rhythmus des Augenblicks. Dann tauchen aus dem Wasser die dunklen Köpfe von Robben auf. Die Tiere scheinen das Spiel in den tanzenden Wellen zu genießen.

Für solche Momente erdulden wir die Mühsal des arktischen Nomadenlebens. Wahre Hassobjekte sind die klobigen Überlebensanzüge, die im Fall eines Kenterns vor dem eisigen Wasser schützen sollen. Lästig ist auch das Morgenritual, das gut und gerne drei Stunden dauert: Zelte trocknen und abbauen, die Ausrüstung packen und wasserdicht im engen Kajak verstauen. Natürlich versenkt man jedes Mal etwas Wichtiges tief unten in einem der Säcke und merkt es erst, wenn alles geladen ist. Die an die zwei Zentner schwer beladenen Boote müssen wir wegen der Gezeiten jeden Abend über Klippen in Sicherheit hieven. Die Lagerplätze werden mit der Zeit immer karger. Doch auch auf Stein kann man Zelte aufbauen. Ein Vorteil der felsigen Lagerplätze ist, dass wir dort vor den Mücken sicher sind, die uns zu Beginn gequält haben. Die in Wolken auftretenden Plagegeister stechen zwar nicht, dringen aber schnurstracks zu den Augen, in die Nase und die Ohren vor. Da rettet nur ein Mückennetz über dem Kopf vor dem Wahnsinnigwerden.