Das Salzwasser und das Paddeln sorgen dafür, dass man seinen Körper intensiver spürt als sonst: Nach dem Schlafen sind die Finger aufgedunsen und sehen aus wie Würste. Trotz der Strapazen ist man so aufgeputscht, dass man sich selbst nach einem Paddeltag noch anstrengen will und die Berge ums Camp erklimmt. Meistens entdecken wir Relikte der Inuit: Kreise aus Steinen, die einst die Felle der Sommerzelte befestigten, oder die Mauern der Winterhäuser. In diesen knapp 20 Quadratmeter großen Behausungen lebten vier, fünf Familien. Alleinige Licht- und Wärmequelle in der Polarnacht war eine Steinplatte, auf der Robbenfett verbrannt wurde. Das Holz driftete von Sibirien heran. Heute haben die Menschen die halbnomadische Lebensweise aufgegeben und wohnen in wenigen Dörfern.

Die Inuit lebten von den Robben, die sie im Winter mit Hundeschlitten, im Sommer vom Kajak aus jagten. Die Tiere lieferten ihnen fast alles: das Fleisch und die Felle und Häute für Kleidung, Zelte, Kajakhülle. Blieben die Robben aus, herrschte Hungersnot. In den letzten 2000 Jahren wurde die ostgrönländische Küste von Nordkanada aus mehrfach besiedelt, und wiederholt starb die Bevölkerung aus. 1933 berichtete der Ethnologe Knud Rasmussen, dass er noch Ostgrönländer getroffen habe, die verhungerte Menschen gegessen hatten. Viele Menschen hat das Land nie ernährt. Als die ersten Europäer 1884 hierher gelangten, zählten sie 413 Menschen. Zuvor hatte das viele Eis, das die Ostgrönlandströmung vom Norden herantransportiert, europäische Expeditionen unmöglich gemacht. Wegen der kalten Strömung ist die Vegetation hier spärlicher als an der Westseite. Auch heute leben kaum 3500 Menschen im Osten, die meisten in Tasiilaq, wo unsere Tour begann. Eine ihrer Herausforderungen ist der Klimawandel, der ihre Umwelt schon spürbar verändert hat. Die Fjorde frieren nicht mehr richtig zu, statt vom Eis aus nach Robben zu jagen, gehen sie jetzt fischen.

Bei jedem Essen müssen wir an die alten Inuit denken, die so oft hungerten. Morgens stopft Baldi jeden mit Porridge voll. Zum Mittagessen hauen wir uns Unmengen an Brot, Speck, Butter, Nutella und Keksen rein. Abends gibts Suppe und Eintopf. Pro Tag wohl an die 5000 Kalorien. Der Heißhunger kommt natürlich vom Paddeln und von der Kälte. Baldi erzählt von Reisegefährten, die abwechselnd vom Brot in der Linken und von einem Stück Butter in der Rechten abbissen. Schon einige Tage vor Ende der Tour greift die Sorge um sich, wie wir unsere Körper vom Fetttrip herunterbringen können.

Noch bleibt uns etwas Zeit. Aber haben wir nicht schon alles gesehen? Auf die seltenen Narwale mit ihrem gewundenen Horn darf man nicht hoffen, das wäre ein zu großer Glücksfall. Trotzdem bietet jeder Tag neue Überraschungen. Die Robbe, die sich auf einer Eisscholle räkelt. Die Eisbärenspuren, die wir bei einem Lager entdecken. Die langsame Reise schärft die Sinne. Die Ohren halten immer mehr Geräusche auseinander: das Donnern von kollabierenden Eisbergen, das Grollen der Brecher, den hellen Klang des Schmelzwassers, das ins Meer tropft. Die Inuit können an den Eisgeräuschen Wetterwechsel erkennen, erzählt Baldi. Erst in Isertoq sehen wir andere Menschen. Das 120Seelen-Dorf ist bis zur tausend Kilometer entfernten Südspitze Grönlands die einzige Siedlung. Die Bewohner, die nicht auf der Jagd sind, sitzen vor ihren Häusern und trinken Bier. Im Laden kaufen wir Nachschub an Nutella und Keksen. Wir haben noch etwas Großes vor. 30 Kilometer südwestlich von Isertoq enden die erhältlichen Karten. Dahinter liegt Terra incognita. Da wollen wir hin. Dort, wo der Eispanzer Grönlands sich direkt ins Meer senkt, vermutet Baldi ein Wunderland mit noch mehr Eis im Meer.

Er behält recht. Am übernächsten Tag können wir unsere Boote nur noch durch enge Passagen schlängeln. Vom Hügel einer Insel inspizieren wir das Gebiet: ein Gedränge von Eisbergen und -platten. Dahinter thront der Eispanzer. Was bei freiem Wasser ein paar Stunden dauern würde, veranschlagt Baldi auf zwei Tage Wegstrecke. Zu lange. Der letzte Traum bleibt unerfüllt, am Rand der Karte kehren wir um. Zwei per Satellitentelefon bestellte Boote holen uns in unserem Camp ab. Die rasende Rückfahrt mit den Motorschiffen nach Tasiilaq dauert fast fünf Stunden und erfüllt uns mit Stolz: All das sind wir gepaddelt.